Ahmad (li) und Taiga (re) in einem Klassenzimmer vor einer Schultafel
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Ahmad (li) und Taiga (re) in einem Klassenzimmer vor einer Schultafel

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Lost im Schulsystem – und trotzdem erfolgreich?

Kein Abschluss, kaum Chancen? Immer mehr Jugendliche scheitern in der Schule, schwänzen, brechen ab. Kontrovers – Die Story zeigt, wie einige trotzdem erfolgreich werden und was ihnen dabei geholfen hat.

Über dieses Thema berichtet: Kontrovers am .

"Wenn die Schule nicht läuft, ist erstmal alles auf Minus", sagt Taiga Trece. Sie weiß, wovon sie spricht, denn Taiga hat früher geschwänzt, im deutschen Schulsystem fühlte sie sich völlig lost. Heute ist sie Rapperin, Musikproduzentin und Physiotherapeutin. Sie kommt gut zurecht und ist stolz auf das, was sie heute ist. Aber ihr Weg war hart.

Ihre Schulzeit sei ein einziges Auf und Ab gewesen, sagt Taiga. Sechs Schulen habe sie hinter sich, ging erst aufs Gymnasium, dann auf die Realschule. Mehrmals habe sie abgebrochen. Taiga konnte sich schlecht konzentrieren, war unruhig. Sie leidet darunter, fühlt sich nicht akzeptiert und fängt an zu schwänzen: "Bis halt irgendwann die Eltern gecheckt haben, weil Briefe nach Hause kamen: 'Ey, das Kind geht gar nicht in die Schule'".

Oft dauert es Monate, bis Schulschwänzer auffliegen. Das belegen Studien. Dabei ist das Problem in Deutschland groß. Die letzte Pisa-Studie machte öffentlich, dass ganze 40 Prozent der 15-Jährigen zugeben, in den vergangenen Monaten blau gemacht zu haben.

Über Kunst und Musik zu Physiotherapie und Jugendarbeit

Taiga hat damals die Kurve gekriegt. Ihre Eltern schickten sie ein Jahr ins Ausland, dort schaffte sie einen Realschulabschluss. Zurück in München machte sie mit 20 beim "International Munich Art Lab" mit. Zwei Jahre lang konnte sie sich dort als Künstlerin und Musikerin ausprobieren. Dort riet ihr ihre Lehrerin, sich dazu noch ein zweites Standbein aufzubauen. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Physiotherapeutin.

Heute hilft sie außerdem anderen dabei, den eigenen Weg zu finden, und arbeitet freiberuflich in Projekten mit Jugendlichen. Darunter bei Refugio, einem Projekt der Stadt München für Geflüchtete. Taiga produziert mit ihnen Musik in einem professionellen Tonstudio. Zwar bedaure sie manchmal, kein Abitur gemacht zu haben, doch Langeweile habe sie nie: "Ich habe immer Projekte, künstlerische Projekte. Es gibt noch viel zu tun (…), es gibt auch noch viel zu lernen und es gibt noch viel zu geben", sagt sie in Kontrovers – die Story.

Kontrovers - Die Story im Video: Lost im Schulsystem – und trotzdem erfolgreich

Ahmad floh mit 12 aus Syrien, heute ist er Friseurmeister

Auch Ahmad Abu Swid hatte seine Schwierigkeiten in der Schule. Er floh mit zwölf Jahren aus Syrien nach Bayern. Seine größte Herausforderung war es, die deutsche Sprache zu erlernen. Inzwischen führt Ahmad seinen eigenen Friseursalon, hat sogar den Meistertitel.

Der Weg dorthin war aber auch bei ihm holprig, mit 18 stand er erst mal ohne Abschluss da – und scheinbar ohne Perspektive. Dass der Friseurberuf etwas für ihn sein könnte, rät ihm sein damaliger Lehrer Rüdiger Rieß. Heute ist Ahmad überzeugt: Ohne Lehrer Rieß hätte er das nicht geschafft.

Bildungsforscher: Immer mehr qualifizierte Arbeitskräfte gefragt

Ahmad und Taiga stehen für viele andere junge Menschen in Deutschland. Immer mehr schaffen hierzulande keinen Mittelschulabschluss. Im vergangenen Jahr waren es 52.000, allein 7.900 kommen aus Bayern. Das entspricht einem Anteil von rund 6,6 Prozent gemessen an der gleichaltrigen Wohnbevölkerung. 2020 waren es in Bayern noch etwa 4,9 Prozent.

Dem Bildungsökonomen Ludger Wößmann bereitet das Sorge, gerade weil immer mehr qualifizierte Arbeitskräfte nachgefragt werden – und immer weniger Hilfsarbeiter: "Aus staatlicher Sicht heißt es natürlich dann eben, dass Menschen, die nicht erfolgreich am Arbeitsmarkt teilnehmen können, Beitragsempfänger sind und nicht Beitragszahler", sagt Wößmann gegenüber Kontrovers - die Story.

Praxisklassen: Kleine Gruppen mit großen Abschlusschancen

Wie das verhindert werden kann, zeigt ein Projekt der Mittelschule Geretsried, das auch Ahmad besucht hat. In sogenannten Praxisklassen wird der Schulstoff mit einem potenziellen Beruf verknüpft: Die eine Hälfte der Schüler ist im Praktikum, die andere wird unterrichtet. In der Klasse sind dann oft nur sieben oder acht Schüler anwesend – ein Gewinn, sagt Lehrer Rüdiger Rieß. So könnten Unterrichtsinhalte differenziert erklärt werden.

Die Quote der Praxisklassen spricht für sich: Hier schafft fast jeder seinen Schulabschluss. Doch das Problem: Solche differenziert arbeitenden Praxisklassen sind extrem selten. In Bayern gibt es derzeit nur eine pro Landkreis.

Ahmat und Taiga sind unterschiedliche Wege gegangen. Beide Fälle zeigen: Stimmen die Bedingungen im Klassenzimmer, ist ein Abschluss möglich – auch für Schüler mit Schwierigkeiten.

Die Zahlen:

Deutschlandweit: Die Quote der Abgehenden ohne Haupt- bzw. Mittelschulabschluss (bezogen auf die gleichaltrige Wohnbevölkerung) stieg bundesweit von rund 6,8 Prozent im Abschlussjahr 2022 auf rund 7,2 Prozent im Abschlussjahr 2023 und rund 8,0 Prozent im Abschlussjahr 2024.

Bayern: Im Abschlussjahr 2024 waren es rund 7.400 (etwa 6,1 Prozent) Abgehende ohne Haupt- bzw. Mittelschulabschluss, 2023 rund 6.500 (etwa 5,3 Prozent), 2022 rund 6.200 (etwa 5,3 Prozent), 2021 rund 6.200 (etwa 5,2 Prozent) sowie 2020 rund 6.000 (etwa 4,9 Prozent).

Im Jahr 2025 belief sich 2025 die Anzahl der Abgehenden ohne Haupt- bzw. Mittelschulabschluss auf rund 7.900.

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