Die Patientin Elke Zintl steht im Eingangsbereich des Nürnberger Klinikums.
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Elke Zintl musste lange warten bis ihre gesundheitlichen Beschwerden ernst genommen wurden. Medical Gaslighting nennt man dieses Phänomen.

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Medical Gaslighting: Wenn Symptome nicht ernst genommen werden

Viele Frauen erleben beim Arzt, dass körperliche Beschwerden heruntergespielt, ignoriert oder auf die Psyche geschoben werden. Medical Gaslighting nennt man dieses Phänomen, das für Betroffene belastend ist und lebenswichtige Behandlungen verzögert.

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Herzrasen, Schwindel oder andere Beschwerden – und trotzdem keine Diagnose: Viele Frauen erleben, dass sie beim Arzt nicht ernst genommen werden. Dieses Phänomen heißt Medical Gaslighting.

Auch Elke Zintl ist es so ergangen. Wochenlang spürt sie immer wieder, dass ihr Herz stolpert und der Puls in die Höhe schnellt. Sie fühlt sich krank. Doch die Ärzte finden nichts, schieben es auf die Psyche. Zwar hat die 67-Jährige Verständnis dafür, dass nicht immer sofort eine Diagnose gestellt werden kann. Doch dass ihre Beschwerden lange nicht ernst genommen wurden, war zusätzlich belastend für sie. "Ich hatte immer wieder Atemnot und Angst zu ersticken, das war grauenvoll", sagt sie rückblickend.

Angeblich alles Einbildung?

Dann endlich sind ihre Herzrhythmusstörungen im EKG erkennbar und ihr Vorhofflimmern wird behandelt. Doch Elke Zintl geht es weiterhin schlecht, sie nimmt rapide ab. Im Internet sucht sie nach Hilfe und stößt auf die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum Nürnberg. Dort erforscht Chefärztin Prof. Christiane Waller, die gleichzeitig Fachärztin für Kardiologie ist, den Zusammenhang von Herzerkrankungen und psychischen Belastungen.

"Es passiert immer wieder, dass Frauen, bei denen akut kein Befund nachweisbar ist, erstmal zur Psychotherapie geschickt werden. Erst viel später wird dann mitunter eine organische Erkrankung festgestellt“, sagt Waller. Patientinnen berichten ihr immer wieder, dass ihnen gesagt wurde, ihre Beschwerden seien eingebildet. So zeigt eine Übersichtsarbeit, dass beispielsweise Herzbeschwerden von Frauen häufig als Angststörung eingeordnet und dadurch lebenswichtige Untersuchungen verzögert werden.

Wechselwirkungen zwischen Körper und Seele

Patientin Elke Zintl vereinbart einen Termin in der Klinik für Psychosomatische Medizin und wird zunächst für einen Monat stationär aufgenommen. Das gründliche Durchchecken des Körpers einerseits und die psychologischen Einzelgespräche andererseits tun ihr gut. "Mir hat es sehr geholfen, ernst genommen zu werden und nicht als Spinnerin abgetan zu werden", sagt sie.

Chefärztin Waller und ihr Team spielen die Symptome der Patienten und Patientinnen nicht herunter, wie es vor allem Frauen beim Medical Gaslighting häufig erleben. Studien zeigen, dass Frauen weltweit länger auf eine treffende Diagnose warten müssen als Männer, wenn es um körperliche Beschwerden geht. Dagegen haben Männer eher das Nachsehen, wenn es sich um psychische Diagnosen handelt. Das liegt unter anderem an Stereotypen und einseitigen Studien, die vor allem auf Männern beruhen und deren Ergebnisse nicht eins zu eins auf Frauen übertragbar sind. Es fehlen Gendermedizin und Forschung, die den medizinischen Unterschieden von Frauen und Männern gerecht werden.

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Chefärztin Prof. Christiane Waller erforscht am Klinikum Nürnberg den Zusammenhang von Herzerkrankungen und psychischen Belastungen.

Emotionale Schilderungen von Frauen

Eine weitere Erklärung ist, "dass Frauen ihre Beschwerden oft emotionaler schildern als Männer. Und sobald Emotionen dazukommen, heißt es: "Das kommt von der Psyche", erklärt Waller. Entscheidend seien jedoch die Wechselwirkungen von Körper und Seele, um Patientinnen und Patienten medizinisch gut behandeln zu können. Die Chefärztin hofft auf mehr Aufklärung über Medical Gaslighting, am besten bereits im Medizinstudium. In der Psychologie wird Gaslighting schon länger als Begriff für eine Form der Manipulation verwendet, wie beispielsweise gezieltes Lügen und Verdrehen der Tatsachen. Denn der Begriff stammt aus dem Theaterstück "Gas Light" aus dem Jahr 1938, in dem ein Mann seine Frau psychisch manipuliert. Erst in den letzten Jahren findet sich der erweiterte Begriff Medical Gaslighting zunehmend in sozialen Netzwerken, Medien und Fachmagazinen.

Lernen, mit der Erkrankung umzugehen

Elke Zintl geht es mittlerweile besser. Medikamente und die Verödung der Leitungsbahnen im Herz lindern ihre organischen Beschwerden und in der Therapie hat sie gelernt, woher ihre Ängste rühren. Sie fühlt sich wieder gesünder und kann ihren Alltag bewältigen, unter anderem durch Atemtechnik und Entspannungsmethoden wie Qigong: "Ich habe wieder mehr Freude in mir. Und ob ich jetzt noch zehn oder zwanzig Jahre vor mir habe, ich genieße den Tag, und lebe im Hier und Jetzt." Es ist ein Prozess, das weiß Elke Zintl, aber sie ist auf einem guten Weg.

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