Bundesverteidigungsminister Pistorius spricht von einer "Phase der Schwäche" Russlands, westliche Militärs rufen zum Angriff, Putin selbst redet vom Kriegsende. Ist der Ukraine-Krieg am Kippen? Leslie Schübel, Russland-Expertin und Analystin bei der Körber-Stiftung, ordnet im BR24-Interview für "Possoch klärt" ein, was hinter den Meldungen steckt – und warum vorsichtiger Optimismus diesmal trotzdem angebracht sein könnte.
BR24: Alle sagen, Putin ist so schwach wie nie. Stimmt das?
Leslie Schübel: Ich befürchte, es ist nicht ganz so einfach. Die russische Wirtschaft schwächelt, die Rekrutierung guten Personals wird schwieriger, und die Ukraine bindet immer mehr Technik ein statt menschlicher Ressourcen – das ist alles schlecht für Russland. Aber so einfach, dass der Krieg jetzt bald zu Ende ist, ist es leider wohl doch nicht.
Putins Beliebtheit so tief wie vor der Invasion
BR24: Die Ukraine trägt den Krieg jetzt mit Drohnen und Deep-Strikes nach Russland. Was macht das mit Putin?
Schübel: Das macht einen großen Unterschied. Putins Zustimmungswerte sind so niedrig wie seit vor der Vollinvasion 2022 nicht – und das zeigen nicht nur unabhängige Umfragen, sondern auch kremlnahe Institute. Ob das direkte politische Konsequenzen hat, wage ich zu bezweifeln. Aber es ist eine signifikante Verschiebung.
BR24: Mehrere Medien, darunter CNN [externer Link], berichten, dass der Kreml seine Sicherheit hochfährt, weil Putin Angst vor einem Putsch oder einem Attentat hat. Wird Putin paranoid – oder war er das schon immer?
Schübel: Das ist kein sehr neues Phänomen. Richtig hochgefahren wurde es während Covid. Was wir jetzt sehen, ist eine Zuspitzung: Putin gräbt sich immer tiefer in das Ukraine-Thema ein, überlässt innenpolitische Probleme den Gouverneuren und verliert dabei das Gespür dafür, was die Bevölkerung wirklich umtreibt. Gleichzeitig drehen der FSB und der Sicherheitsapparat weiter an der Kontrollschraube – während die Unberechenbarkeit des Regimes paradoxerweise zunimmt.
BR24: Wie macht sich das in der Gesellschaft bemerkbar?
Schübel: Ein interessantes Symptom: Rund um den 9. Mai haben bekannte Influencer – auch solche, die eigentlich Putin-Supporter sind – die Interneteinschränkungen offen und lautstark kritisiert. Der Kreml hat reagiert. Das zeigt, dass da ein Vakuum entsteht, wo Unzufriedenheit sich Bahn bricht. Das Stabilitätsversprechen, das Putin seit Beginn seiner Herrschaft gegeben hat – Stabilität statt Demokratie –, schwankt gerade.
Im Video: Ist Russland jetzt besiegt? Possoch klärt!
Russlands Ressourcen schwinden
BR24: Wie oft haben wir schon gelesen: "Putin ist am Ende" – und es hat sich nie bewahrheitet. Ist diesmal etwas anders?
Schübel: Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass diesmal etwas grundlegend anders ist. Der Rally-around-the-Flag-Effekt – das Umfragehoch nach der Krim-Annexion oder der Vollinvasion – lässt irgendwann nach, das ist ein langsamer Prozess. Aber die Kontrolle funktioniert noch gut genug, sodass Putin sich keine großen Sorgen machen muss. Innerhalb der Eliten gibt es Anzeichen von Unzufriedenheit – aber keine signifikanten.
BR24: Könnte Putin den Krieg nochmal eskalieren, um den Rückhalt zurückzugewinnen?
Schübel: Dafür bräuchte er Ressourcen – gesellschaftlich, finanziell, militärisch. Und wenn so viele übrig wären, würde man sie längst in der Ukraine einsetzen. Russland ist wirtschaftlich nicht am Ende, aber an einem Punkt, wo die Bevölkerung deutlich spürt, dass die Prioritäten nicht bei ihrer Lebenszufriedenheit liegen.
BR24: Und der Einsatz von Atomwaffen – realistisch?
Schübel: Putin führt diesen Krieg unter einem nuklearen Schutzschirm – das ist Teil der Kalkulation. Aber ich halte es für unwahrscheinlich, dass ein Atomwaffeneinsatz seine Beliebtheit steigern würde. Wahrscheinlicher ist, dass man im Falle einer militärischen Verschlechterung – zusammen mit Trump oder China – eine Lösung sucht, die so aussieht, als hätte Russland gewonnen. Aber so weit sind wir nicht. Russland kämpft weiter aktiv.
Jetzt den Mythos zerstören
BR24: Was sollte der Westen aus diesem Moment machen?
Schübel: Das wichtigste Momentum ist Informationsverbreitung. Den Mythos vom unbezwingbaren Russland entzaubern – der Gedanke, dass die Ukraine grundlos stirbt, weil Russland am Ende doch gewinnt, stimmt nicht.
Und wie immer gilt: Das stärkste Machtinstrument gegenüber Russland sind geeinte europäische Gesellschaften und starke Demokratien. Genau da wird Russland mit Desinformation weiter angreifen.
BR24: Danke für das Gespräch.
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