Jahrelang galten viele ehemalige IS-Kämpfer aus Europa als verschwunden. Jetzt gibt es neue Hinweise auf deutsche Gefangene und erstmals wieder Kontakte zu ihren Familien. Nach Recherchen von SWR und dem BR-Funkstreifzug besucht das Internationale Rote Kreuz derzeit irakische Gefängnisse, in denen mutmaßliche IS-Mitglieder aus Deutschland festgehalten werden. Das Rote Kreuz vermittelt dabei Kontakte zwischen den Inhaftierten und ihren Familien in Deutschland.
Deutsche IS-Kämpfer in irakischen Gefängnissen
Zum Hintergrund: Tausende Männer und Frauen aus Europa reisten seit 2012 in den Nahen Osten, um sich dort islamistischen Terrorgruppen anzuschließen - unter anderem dem sogenannten Islamischen Staat (IS), der in Teilen Syriens und des Irak ein sogenanntes Kalifat errichtete. Nach der Niederlage des IS wurden viele Terroristen in kurdischen Gefangenenlagern im Nordosten Syriens inhaftiert. Dort aber wurde die Sicherheitslage zuletzt immer instabiler. Aus Furcht vor Ausbrüchen oder Befreiungsversuchen drangen insbesondere die USA darauf, die IS-Terroristen anderweitig zu inhaftieren. Tausende Männer wurden deshalb Anfang dieses Jahres in den Irak verlegt. Nach Informationen von BR, rbb24 Recherche und Deutschlandfunk befinden sich darunter auch 25 Personen aus Deutschland. Teils sind sie deutsche Staatsbürger, teils haben sie zwar eine andere Staatsangehörigkeit, sind aber in Deutschland aufgewachsen.
Das letzte Lebenszeichen: Ein Brief des Roten Kreuzes
Unter ihnen soll sich auch der Sohn von Lara (Name geändert – Anm. der Redaktion) befinden, einer Mutter aus Bayern. Ihr Sohn reiste 2014 nach Syrien und schoss sich dem IS an. 2017 geriet er in Gefangenschaft. Lara hat seit über zehn Jahren kaum Kontakt. Das bislang letzte Lebenszeichen hat sie 2021 erhalten, ein kurzer Brief über das Internationale Rote Kreuz mit rotem Stempel: "Safe and Well" - sicher und wohlbehalten.
"Ich wünsche, dass mein Sohn seine Strafe hier absitzt"
"Ich wünsche mir, dass mein Sohn nach Deutschland kommt – dass er seine Strafe nicht dort absitzt, sondern hier", sagt Lara dem BR-Funkstreifzug. "Dann wüsste ich wenigstens, wo er ist, und könnte ihn ab und zu besuchen." Laut Laras Anwälten ist es wahrscheinlich, dass ihr Sohn zu den rund zwei Dutzend IS-Kämpfern aus Deutschland gehört, die inzwischen in den Irak verlegt wurden. Im Gegensatz zum Bürgerkriegsland Syrien ist im Irak eine konsularische Betreuung deutscher Gefangener grundsätzlich möglich. In Bagdad gibt es eine Botschaft, Diplomaten könnten die Gefangenen besuchen. Allerdings sind im März alle Mitarbeiter der Botschaft aus Sicherheitsgründen aus Bagdad vorübergehend abgezogen worden.
Laras Anwälte Serkan Alkan und Martin Heising haben das Auswärtige Amt dennoch aufgefordert, herauszufinden, wo Laras Sohn inhaftiert ist. Die Bundesregierung solle sich dafür einsetzen, die deutschen IS-Männer zurückzuholen. "Deutschland verlangt, dass Länder wie Syrien oder Afghanistan Leute wieder zurücknehmen, die bei uns straffällig geworden sind", so Anwalt Alkan. "Genauso haben diese Länder doch auch einen Anspruch darauf, dass sie deutsche Gefangene loswerden."
Sicherheitsbehörden warnen vor Rückkehr
Sicherheitsbehörden stehen einer Rückholung allerdings skeptisch gegenüber. Auch weil viele der einstigen IS-Kämpfer hier womöglich schnell auf freien Fuß kommen könnten, selbst wenn ihnen in Deutschland der Prozess gemacht werden würde. "Es bestünde die Gefahr, dass ihnen die Haft in Syrien angerechnet wird", gibt etwa der Islamwissenschaftler Guido Steinberg zu bedenken, der in vielen Prozessen gegen IS-Rückkehrer als Gutachter geladen war. "Man will natürlich nicht Leute bei uns auf der Straße haben, die vorher teils zu den gefährlichsten Terroristen gehörten, die es gibt."
Im Irak droht die Todesstrafe
Sollten diese Männer also zurückkehren, müssten Polizei und Sicherheitsbehörden sie eng überwachen – ein enormer personeller Aufwand. Die Politikwissenschaftlerin und ehemalige bayerische Verfassungsschützerin Gülden Hennemann warnt: "Ich glaube, dass es zum jetzigen Zeitpunkt ein Fehler wäre, diese hochideologisierten Personen zurückzuholen."
Im Irak droht IS-Gefangenen allerdings unter Umständen die Todesstrafe. Auch deshalb hält die Extremismusforscherin Sofia Koller eine Rückholung für notwendig. "Wenn wir irgendwie die Chance haben wollen, einen Teil der Personen bei der Distanzierung vom Islamismus zu unterstützen und sie vor Gericht zu bringen, damit sie sich für ihre Taten verantworten, dann kann das nur in Deutschland passieren."
Die ganze Recherche hören Sie im Funkstreifzug am Mittwoch, 3.6. um 12:15 Uhr im Radioprogramm von BR24 oder als Podcast in ARD Sounds.
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