Bundeskanzlerin a.D. Angela Merkel beim WDR Europaforum im Rahmen der re:publica 2026
Bildrechte: picture alliance / Chris Emil Janßen | Chris Emil Janssen

Im Fokus: die Bundeskanzlerin a.D. Angela Merkel beim WDR Europaforum im Rahmen der re:publica 2026

Per Mail sharen
Artikel mit Video-InhaltenVideobeitrag

Merkel-Nostalgie: Woher kommt der Hype um die Ex-Kanzlerin?

Ein paar Jahre war sie quasi verschollen. Und dann wieder da: erst in Buchform, dann auf Partei- und Kirchentagen, als Europa-Preisträgerin und Social-Media-Phänomen. Fünf Gründe, warum das nicht ganz überraschend ist.

Über dieses Thema berichtet: News WG am .

16 Jahre Kanzlerin-Sein reichen, hatte Angela Merkel beschlossen. Und war nach ihrem geordneten Amtsverzicht erstmal weg. Verschwunden in ihrer Privatwohnung hinterm Pergamonmuseum, vielleicht auch im Wochenendhaus in Hohenwalde (Uckermark); jedenfalls nicht in Verantwortung und nicht in den Schlagzeilen.

Eine Art Comeback: zwischen den Zeilen und auf großer Bühne

Und dann war sie wieder da. Zuerst gedruckt: Ihre Autobiografie "Freiheit. Erinnerungen 1954–2021", in 30 Ländern erschienen, hat sich seit Ende 2024 allein im deutschsprachigen Raum weit über eine Million Mal verkauft; nicht zu reden von den fünf Bänden der Krimireihe "Miss Merkel" von David Safier (inzwischen auch im TV und im Theater).

Und in persona? Vor zwei Monaten wurde Merkel erstmals seit 2020 wieder auf einem CDU-Parteitag gesehen – und gefeiert. Am Montag letzter Woche stand man auf der Digitalmesse re:publica Schlange, um zu hören, was Merkel über schwierige Amtskollegen und die Demokratie als solche zu sagen hatte. Am Dienstag wurde ihr in Straßburg der Europäische Verdienstorden verliehen. Am Mittwoch kam sie als Ukraine-Vermittlerin ins Gespräch.

Merkel auf TikTok: "Forever young"

Auch auf Social Media geht Merkel viral. Auf TikTok fordern User, die bei Merkels Abgang noch nicht im Wahlalter waren, ihre Rückkehr auf die politische Bühne (externer Link) oder bauen ihre Karriere in KI-Alterungsvideos nach (externer Link), musikalisch unterlegt mit dem Song "Forever Young" von Alphaville.

News-WG auf Instagram: Darum vermisst ihr Merkel

Nicht selbstverständlich bei einer Politikerin, die im Amt zuletzt oft "Merkel muss weg"-Sprechchöre zu hören bekam – aber aus fünf Gründen auch nicht ganz überraschend.

1. Die Zukunft war früher auch besser

5.860 Kanzlerinnen-Tage – eine Ära. In der Rückschau ähnelt sie inzwischen den Erzählungen aus Bayerns Prinzregentenzeit (1886 bis 1912) – "eine liebe Zeit" (Georg Lohmeier). War nicht alles Gold – aber besser als das, was danach kam. Ja, es gab Krisen, doch bis Corona ließen die sich hintereinander abarbeiten. Eine zähe Problem-Karawane – keine unauflöslich verkeilte Krisenkarambolage.

Gut ein Jahrzehnt blieb Merkel Traumata-frei. Der 11. September 2001 war bei ihrer Wahl vier Jahre her, noch im "Weltmeisterjahr" 2014 war das Umbruchsjahr 2016 (Brexit, Trump-Wahl, eskalierende Flüchtlingskrise) nicht in Sicht. Und selbst 2017 konnte die CDU mit dem Wahlkampfslogan "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben" Wahlen gewinnen.

2. Was im Gedächtnis bleibt

Erinnern Sie sich noch an die Mehrwertsteuererhöhungsdebatte 2006? Wieviel 2008 die Bankenrettung gekostet hat? Nicht im Detail? Aber sicher noch an die Merkel-Raute, die leicht Queen-farbigen Blazer. "Sie kennen mich" (Angela Merkel, 2013). Zahlen und Begriffe wie "Wachstumsbeschleunigungsgesetz" verblassen eben schneller als bunte Bilder. Was war schon die NSA-Affäre gegen Merkels Weißwurstfrühstück mit Obama?

Bildrechte: picture alliance / dpa | Steffen Kugler
Artikel mit Bild-InhaltenBildbeitrag

(Archivbild) Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ehemann Joachim Sauer stoßen am 07.06.2015 in Krün mit US-Präsident Barack Obama (2.v.r) an.

3. Die Frau im Amt

2005, zu ihrem Amtsantritt, wurde "Bundeskanzlerin" zum Wort des Jahres gewählt. Sowas gab es vorher nicht. Mit Feminismus hatte Merkel wenig am Hut, doch der Frauenanteil im Bundestag stieg erstmal an, und im Bundeskanzlerinnenamt hielt ein neuer Stil Einzug: Sachlichkeit ohne Macher- und Macho-Gehabe, die im Umgang mit Alphatieren wie Donald Trump ironisch gelassen blieb und selbst bei Jagdhundehaltern wie Wladimir Putin eine stoische Restwürde behielt.

Seit der Wahl 2025 ist der Frauenanteil im Bundestag wieder unter ein Drittel gesunken. Und auch wenn "Mutti" keine respektvolle Anrede für eine Regierungschefin ist – dass niemand von "Papa Merz" spricht, ist für diesen kein Vorteil.

Bildrechte: picture-alliance/ dpa | epa Sergei Chirikov
Artikel mit Bild-InhaltenBildbeitrag

(Archivbild) 2007 im Kreml: Angela Merkel, Wladimir Putin und sein Hund Koney

4. Frau Merkels Gespür fürs Machbare

Nicht, dass Angela Merkel nie "alternativlos" mit dem Kopf durch die Wand gegangen wäre. Doch als Physikerin vermaß sie vorher die Dicke der Wand sowie des Kopfes und das Tempo des Aufpralls. Demokratie, so Merkel auf der re:publica, heißt Kompromiss: "Auch jede Form familiären Zusammenlebens beginnt mit einem Kompromiss – oder jeder geht seiner Wege." Weshalb Merkel zum Beispiel nach Fukushima (und eindeutigen Umfrage-Mehrheiten gegen die Atomenergie) den Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Kernkraft einleitete.

5. Die Kunst des rechtzeitigen Abgangs

Und ihr eigener Ausstieg aus der Politik? Helmut Kohl und Gerhard Schröder wurden aus dem Amt gewählt. Merkel nicht – sie überließ es ihrem Parteifreund Armin Laschet, die CDU in der Bundestagswahl 2021 gegen den Eisberg zu steuern.

Merkel-Kritiker glauben, sie habe auch da die Zeitspanne zwischen politischer Ursache und Wirkungseintritt genau berechnet. 2021 jedenfalls kam die Bahn auf rostenden Gleisen noch halbwegs pünktlich, die Karolabrücke wölbte sich über die Elbe, Russengas war billig und die "Schuldenbremse" nur ganz ausnahmsweise außer Kraft gesetzt.

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!