Frau mit einer Maske, die "chaotische Gedanken" zeigt, sitzt auf dem Boden zwischen zerknülltenm Papier, schreibt etwas auf.
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Frau mit einer Maske, die "chaotische Gedanken" zeigt, sitzt auf dem Boden zwischen zerknülltenm Papier, schreibt etwas auf.

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ADHS bei Erwachsenen: Übersehen und unterdiagnostiziert

Die Aufmerksamkeitsstörung ADHS ist ein Trend in den Sozialen Medien geworden und die Diagnosen sind stark angestiegen. Trotzdem hat ein Großteil der betroffenen Erwachsenen keine Diagnose - was schwere Folgeerkrankungen nach sich ziehen kann.

Über dieses Thema berichtet: BR24 Radio Bayern am .

Auf den ersten Blick unauffällig: Ein sauberer und aufgeräumter Schreibtisch mit Bildschirm, Tastatur und Aktenablage, darüber ein Podcast-Mikrofon. Doch wenn sich Isabel Demirel morgens an die Arbeit setzt, weiß sie oft nicht, was sie zuerst machen soll. "Ich hab so viele Ideen, ich würde mich am liebsten fünf mal klonen und es ist wie ein Feuerwerk im Kopf", sagt die 37-jährige Journalistin.

Grund dafür ist die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Sie führt zu großer Begeisterung und Kreativität bei Themen, die Isabel Demirel interessieren. Viele alltägliche und ganz einfache Routine-Aufgaben fühlen sich für sie hingegen wie unüberwindbare Hürden an.

Feuerwerk im Kopf - "Allergie" gegen Langeweile

Es ist als wäre ihr Gehirn gegen langweilige Aufgaben allergisch, schildert Isabel Demirel. Auf dem Schreibtisch liegt noch eine unbezahlte Rechnung von Oktober und seit Monaten liegt ein Retoure-Päckchen im Flur, das sie immer noch nicht weggeschickt hat.

Ihr Mann versucht, ihr ihr zu helfen – oft vergeblich. "Er bringt mir extra Sachen an den Schreibtisch und sagt: Isa unterschreib das. Drei Stunden später fragt er: Warum hast du es noch nicht unterschrieben? Ich habe da eine Blockade, weil das so unfassbar langweilig für mein Gehirn klingt."

ADHS im Erwachsenenalter wird oft über "Umwege" entdeckt

In ihrem Podcast „Hi, Baby!“ berichtet sie über ihre "neurodivergente" Familie, wie sie es nennt: Ihr Sohn hat eine Autismus- und eine ADHS-Diagnose. Als Mutter von zwei Kindern war Isabel zunehmend überfordert. Trotzdem kam ihr lange Zeit nicht in den Sinn, dass auch sie die Aufmerksamkeitsstörung hat. "Ich dachte immer, wenn man wirklich ADHS hat, dann geht’s einem viel schlimmer. Ich hatte es ja noch im Griff."

Doch irgendwann stand sie kurz vor einem Burnout, erzählt sie. "Dass ich immer davor war, in eine starke Depression reinzurutschen – das hab ich gar nicht wahrgenommen, weil ich es gar nicht anders kannte." Damit ist Isabel Demirel kein Einzelfall.

Folgen von ADHS: Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen

Viele Erwachsene merken erst, dass sie ADHS haben, wenn bereits Folge- und Begleiterkrankungen auftreten, so die Neurologin Carolin Zimmermann aus München: Depressionen, Angsterkrankungen oder eine Sucht. "Die meisten sind jung und motiviert", sagt die Ärztin, "und sie scheitern durch die schnelle Ablenkbarkeit und die Desorientierung."

Mit Medikamenten und Therapien können Betroffene die Störung oft gut in den Griff bekommen. Doch Carolin Zimmermann kritisiert, dass viele schon beim Versuch scheitern, überhaupt eine fachärztliche Abklärung zu bekommen. "Eine Diagnose ist nicht in fünf Minuten gestellt - doch wir machen in den Kassenpraxen 5-Minuten-, 10-Minuten-, 20-Minuten-Medizin. Das ist das, was bezahlt wird."

Isabel Demirel hat es geschafft im vergangenen Jahr eine Diagnose zu bekommen. Heute nimmt sie Medikamente gegen ADHS und geht gerne in die Natur, wo sie das "Feuerwerk" in ihrem Kopf stillstellen kann.

Im Video: ADHS bei Erwachsenen

ADHS bei Erwachsenen
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ADHS bei Erwachsenen

Dieser Artikel ist erstmals am 12. Februar 2026 auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel erneut publiziert.

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