Soldaten stehen im Schnee in Reih und Glied
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Ausbildung russischer Freiwilliger nahe Nischni Nowgorod

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"Ein Hauch von Lüge": Verlust-Krise in der russischen Armee?

Immer mehr russische Soldaten fallen ukrainischen Drohnen zum Opfer, so Kriegsblogger. Sie führen das auf viel zu kurze Ausbildungszeiten zurück. Gleichzeitig schimpfen sie auf die TV-Propaganda und fragen, wann Putin neue Rekruten mobilisiert.

Über dieses Thema berichtet: BR24 Mastodon am .

"Wir wissen aus dem Fernsehen, dass die Rekrutierung von Freiwilligen hervorragend läuft. Es müsste also immer mehr Personal geben, aber das ist nicht der Fall. Bedeutet das, dass die Verluste die Rekrutierung übersteigen?" fragt sich der prominente russische Militärblogger Andrei Filatow (169.000 Fans). Er verweist ironisch darauf [externer Link], dass die TV-Propaganda behauptet, die russische Artillerie zerstöre unentwegt ukrainische Drohnen-Kontrollzentren, gleichzeitig seien die jedoch für 80 Prozent aller Personalverluste der russischen Armee verantwortlich: "Irgendwo liegt ein Hauch von Lüge in der Luft. Nicht wahr?"

Fast schon polemisch fügt Filatow an, ukrainische Soldaten würden mindestens zwei bis drei Monate ausgebildet, bevor sie an die Front kämen, russische "Freiwillige" dagegen würden bereits zehn Tage nach Vertragsunterzeichnung ins Feuer geschickt: "Manche gerieten in Panik, weil sie dachten, ihr Gewehrlauf ist überhitzt, nur weil bei minus fünf Grad Außentemperatur nach dem ersten Schuss Dampf aufstieg."

"Wir verlieren immer mehr Soldaten"

Die Lebenserwartung eines russischen Infanteristen betrage inzwischen oft nur noch zwölf Tage, so der Militärblogger "Romanow" (139.000 Abonnenten). Elf Tage seien die Freiwilligen in der Grundausbildung, am zwölften Tag rückten sie an die Front, wo jedoch "bestenfalls jeder zweite" die Kampfposition überhaupt erreiche [externer Link]: "Wegen der feindlichen Drohnen. Weil fast niemand systematisch versucht, die Lufthoheit anzustreben. Es fehlen Ressourcen, Fähigkeiten und Motivation."

Fast alle tonangebenden russischen Militärbeobachter zeigen sich höchst alarmiert [externer Link] über die ihrer Meinung nach "veränderte Verlust-Dynamik": "Seit September 2025 erleben wir eine Verlust-Krise. Aufgrund der überlegenen Drohnenangriffe des Gegners verlieren wir immer mehr Soldaten." Von einem "subjektiven Gefühl", wonach die Kämpfe aus russischer Sicht viel schwerer geworden seien, ist die Rede.

"Streng geheime Informationen"

Mit "etwas Glück" würden russische Soldaten verwundet, so einer der Kommentatoren, der sich auch schon genau ausmalte [externer Link], welche Antwort das Verteidigungsministerium auf kritische Nachfragen geben werde: "Das sind streng geheime Informationen – ihre Freigabe ist gefährlich. Und die Verbreitung offensichtlich falscher Informationen über die russischen Streitkräfte ist eine Straftat. Denken Sie an sich selbst, liebe Journalistenkollegen."

Blogger Juri Baranschik versuchte zu beruhigen [externer Link]: "Das ist kein Wendepunkt zugunsten des Gegners, aber die Offensive ist in eine Phase eingetreten, in der das Tempo von der Verfügbarkeit von Reserven bestimmt wird."

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Infotafel

Putin persönlich habe sich eine Entscheidung über eine weitere Mobilisierung (mutmaßlicher Propaganda-Name: "Zeit der Helden") vorbehalten, will eines der größten russischen Polit-Portale aus zuverlässigen Quellen erfahren haben [externer Link]: "Daher ist jede Prognose über den Zeitpunkt sinnlos. Hier gibt es keine Indiskretionen, nur spekulative Szenarien von Experten."

"2026 nicht realisierbar"

Politologe Wladislaw Inosemtsew, der auch im Westen veröffentlicht, analysierte Putins "Todesökonomie" in einem Essay [externer Link] und kam zum Fazit: "Einerseits würde eine radikale Veränderung der Lage an der Front eine Verdopplung der Stärke der aktiven Armee erfordern – also die Mobilisierung von 500.000 bis 1 Million Soldaten. Angesichts der wirtschaftlichen und sozialen Folgen eines solchen Schrittes erscheint dies im Jahr 2026 nicht realisierbar. Andererseits müssten die mobilisierten Soldaten weiterhin die gleichen Gehälter wie die Frontsoldaten erhalten, sodass die Haushaltsbelastung nicht sinken würde."

Die Gründe für die "Verlust-Krise" seien vielfältig, so Inosemtsew. Das Reservoir an Interessierten mit "geringen wirtschaftlichen Perspektiven" schrumpfe, die Angst vor unbefristeten Verträgen wachse. Letztlich verwischten die "Deathnomics" die Grenze zwischen Wunschdenken und Realität.

"System aus dem Gleichgewicht geraten"

Bemerkenswert: Selbst die auflagenstarke Propaganda-Zeitung "Moskowski Komsomolez" scheint das Vertrauen in die Problemlösungskompetenz des Kreml verloren zu haben [externer Link]: "Entweder halten sie uns für Kinder, zu dumm, um uns etwas zu erklären und uns zu vertrauen, oder sie finden es unter ihrer Würde, irgendetwas zu erklären. Es gibt aber auch eine noch traurigere Variante: Das System ist so aus dem Gleichgewicht geraten, dass ein Teil nicht mehr versteht, was der andere tut (und es gibt viele solcher Teile), so dass niemand erklären kann, was vor sich geht (oder sich vor der Verantwortung fürchtet)."

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