Frisch gewaschene Haare, blumig duftend und seidig glänzend: wunderbar! Dann aber: ein fremdes Haar in der eigenen Suppe oder in der Hoteldusche. Keine Frage: das Verhältnis des Menschen zu Haaren ist ambivalent. Auch in der Kunst mangelt es nicht an Haaren.
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Überraschend ist, wie unterschiedlich ihre Bedeutung je nach Kontext sein kann, nur eines ist immer gleich: Haare stehen für Kraft, Vitalität und Jugend, sagt Kuratorin Juliane Au: "Das ist zum einen einfach eine Beobachtung, die Menschen gemacht haben: Je jünger man ist, desto kräftiger ist das Haar, es wird im Alter einfach ein bisschen dünner." Zum anderen hätte man sehr lange gedacht, dass Lebenskraft in den Haaren gespeichert sei und diese nach dem Tod weiterwüchsen.
Haare als Ausdrucksmittel für Macht und Identität
Ein Porträt zeigt Ludwig XIV. mit Zepter, Hermelinfell und üppiger aber falscher Lockenpracht. Aufwändige Perücken standen am französischen Hof für hohes Ansehen – wortwörtlich, denn Perücken machen größer und damit sichtbarer. "Louis XIV. ist früh kahl geworden, wahrscheinlich schon in der späten Jugend", erklärt Kuratorin Juliane Au. "Da man als König nie nur Mensch ist, sondern auch physisch den Staat repräsentierte, musste der Körper vital sein und deshalb mussten irgendwann die Perücken her."
Von der schlangenhaarigen Medusa bis zu Maria Magdalena im Haarmantel, vom Schmuckstück aus echten Haaren bis zur Krawatte in Form eines geflochtenen Zopfs: Die Ausstellung spürt dem Thema Haare in alle erdenklichen Richtungen nach. Die Gefahr, dass daraus ein Potpourri aus wahllos zusammengeworfenen Beispielen wird, haben Juliane Au und ihre Kollegen gekonnt umschifft: "Worum es uns geht, ist wie vielfältig Haar ist und wie schnell man an sehr grundlegenden Fragen dran ist, an identitären Fragen: Wer sind wir, wer wollen wir sein, wie gehen wir miteinander um und wie sehen wir einander auch?"
Salvador Viniegra y Lasso de la Vega: Der erste Kuss, 1891
Die Ausstellung begreift Haare als universelle Sprache, als Ausdrucksmittel, mit dem wir uns inszenieren können. Der größte Raum ist folgerichtig der Politik gewidmet - und auch mit der Rolle der Haare als Zeichen des politischen Widerstands. "Ganz bekannt ist die Punk- oder die Hippiebewegung, aber auch der Kolonialismus kann mit Frisuren zu tun haben", sagt Kuratorin Juliane Au. Fotografien von Pieter Hugo zeigen Richter aus Ghana, die bis heute die weißen Richterperücken tragen, die aus der Kolonialzeit Englands stammen.
Frisuren mit politischer Botschaft
Ganz anders die Selbstporträts der Ivorerin Laetitia Ky, die ihre langen schwarzen Haare stolz und mit souveränem Humor mal zu Boxhandschuhen, mal zu den Konturen des afrikanischen Kontinents formt.
Besonders stark ist die Schau immer dort, wo mit Klischees gebrochen wird: ein männlicher Torso, wie man ihn aus den üblichen Antikensammlungen kennt, hier aber nicht als glattem Marmor, sondern in Silikon mit aufgeklebtem Brusthaar. Ein Foto mit langen Beinen in Absatzschuhen im Stil von Strumpfhosenwerbung, allerdings sind die Beine unter der Strumpfhose behaart und wohl eher männlich.
Oder die Fotoserie einer feministischen Performance von Ana Mendieta von 1972: Die junge Frau ist mit einem Kommilitonen zu sehen. Er rasiert sich den Bart ab, sie klebt ihn sich an – und eignet sich damit auch seine Stellung, seine Möglichkeiten, seinen Zugang zur Welt und zum Kunstmarkt an.
Haare zwischen Klischee und Selbstermächtigung
"Haar – Macht – Lust“ ist eine umfassende, aber gut geordnete Ausstellung, die Spaß macht, die auch mal irritiert und aufrüttelt und definitiv niemanden völlig unberührt lässt, egal wie viel oder wenig man sich bisher für Haare interessiert hat. "Selbst wenn ich mich gar nicht kümmere, signalisiere ich damit, dass mir bestimmte Dinge einfach egal sind", sagt die Kuratorin Juliane Au.
Die Ausstellung "Haare - Macht - Lust" ist noch bis 4. Oktober in der Kunsthalle Münchens (externer Link) zu sehen.
Evan Penny: "Torso – Model, Variation 1" (Ausschnitt), Silikon und Haare, 2016
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