Bei einer Besprechung am 17. Dezember 2025
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Beratungsbedarf: Wladimir Putin mit seinem Armeechef Waleri Gerassimow (rechts)

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"Position der Schwäche": Setzt Putin auf weitere Mobilisierung?

Das Institute for the Study of War (ISW) und viele russische Kommentatoren rechnen damit, dass der Kreml die Armee mit einer Zwangsrekrutierung auffüllen muss. Das sei für Putin ein Risiko - und ohne eine verschärfte Netz-Zensur nicht zu machen.

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"Der russische Präsident Wladimir Putin schafft offenbar die Voraussetzungen für die Wiederaufnahme begrenzter, rollierender Zwangsrekrutierungen, da Russland Schwierigkeiten zu haben scheint, die Verluste in der Ukraine mit den bestehenden Möglichkeiten zur Anwerbung von Soldaten auszugleichen", behauptet das amerikanische Institute for the Study of War (ISW) [externer Link] und löste damit eine lebhafte Debatte aus, auch innerhalb Russlands.

Putin handle aus einer "Position der Schwäche", so das ISW. Es gehe nicht um eine Truppenverstärkung oder neue Offensiven, sondern allein darum, das "drohende Versiegen der kostspieligen Rekrutierung von Freiwilligen im Jahr 2026 auszugleichen". Bisher zahlt Moskau seinen Vertragssoldaten umgerechnet mindestens rund 2.200 Euro monatlich, hinzu kommen Antrittsprämien in Höhe von rund 4.000 Euro. Außerdem winken weitere Prämien aus den Regionen, von denen jedoch inzwischen viele Haushaltsprobleme haben. Zum Vergleich: Die Hälfte aller Russen verdient monatlich weniger als rund 500 Euro.

"Wer weiß, wie sich die Dinge entwickeln"

Inzwischen äußern viele russische Blogger die Vermutung, der Kreml wolle den populären Kurznachrichtendienst Telegram womöglich auch deshalb zum 1. April ganz oder teilweise abschalten, weil er zu diesem Zeitpunkt eine weitere Mobilisierung plane. Die werde von Putin und seinem inneren Kreis als "große politische Bedrohung" gesehen.

So schrieb Star-Bloggerin Anastasia Kaschewarowa [243.000 Fans, externer Link]: "Telegram wird wegen seiner Informationsmacht ins Visier genommen. Diese Macht entzieht sich der staatlichen Kontrolle, und folgenreiche Entscheidungen und globale Veränderungen stehen wahrscheinlich bevor. Es wäre einfacher, die ohnehin schon schwierige Lage zu entschärfen, statt Telegram zu destabilisieren."

"Um die Armee mobil zu halten, müssen wir all diese grausamen und zweifellos falschen Videos über das traurige Schicksal von Frontsoldaten aus den Medien entfernen. Diese Fälschungen dürfen weder von zukünftigen Zeitsoldaten, noch von zukünftigen Wehrpflichtigen gesehen werden. Wer weiß, wie sich die Dinge entwickeln", so Politologe Igor Dimitriew [134.000 Fans, externer Link] sarkastisch.

"Mobilisierung unausweichlich"

Putin seien die Konsequenzen einer weiteren Zwangsrekrutierung bewusst, heißt es in einem weiteren tonangebenden anonymen Polit-Blog [externer Link], der ebenfalls einen Zusammenhang zur erwarteten Verschärfung der Zensur herstellt.

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Infotafel

Trotz hoher Besoldung scheuten inzwischen viele Interessenten den Dienst an der Front: "Das Problem scheint zu sein, dass die Zahlungen an Zeitsoldaten sich in eine weitere Form von 'Schutzgeld' verwandelt haben könnten, über das die Männer nicht frei verfügen können, sondern das sie an den 'rechtmäßigen' Empfänger – in diesem Fall innerhalb der Diensthierarchie – abführen müssen." Wo viel "leicht verdientes" Geld im Umlauf sei, gebe es Kriminalität und Korruption, besonders im Militärwesen.

Riskiert Putin "beschämenden Friedensvertrag"?

Für Putin wäre es einfacher, die bisherige "verdeckte Rekrutierung" fortzuführen, argumentiert einer der Polit-Blogger: "Insgesamt wäre die Mobilisierung für den Kreml ein riskantes Unterfangen. Das Risiko einer Eskalation, der Beteiligung ukrainischer Verbündeter am Konflikt und einer Ausweitung der Kämpfe würde drastisch steigen. Gleichzeitig könnte die russische Wirtschaft einen weiteren Schock nicht verkraften, was Putin zwingen würde, einen für ihn beschämenden Friedensvertrag zu unterzeichnen." Es drohten "Aufstände und Proteste", die bisherige Propaganda-Erzählung, wonach "alles nach Plan" verlaufe, breche in sich zusammen.

"Wenn der Kreml an seinen strategischen Zielen für die Ukraine festhält, einschließlich eines politischen Führungswechsels und der Neutralisierung des Landes, ist eine Mobilisierung unausweichlich", urteilt dagegen ein weiterer Kommentator [externer Link]. Ähnlich äußerte sich der kremlnahe rechtsextreme "Philosoph" Alexander Dugin, der eine Mobilisierung und "vielleicht auch den Einsatz einer bestimmten Art von Waffen" forderte: "Anders funktioniert es nicht."

"Besonders gefährdet sind Studenten"

Es kursieren teils groteske Meldungen [externer Link], wonach Putins Offiziere mangels Freiwilliger mit Unterstützung systemnaher Professoren in den Universitäten um Soldaten werben, meist vergeblich: "Besonders gefährdet sind Studenten mit schlechten Studienleistungen und unregelmäßiger Anwesenheit. Die angeblichen Schlangen von Freiwilligen vor den Rekrutierungsbüros des Militärs sind längst versiegt, die Verluste an der Front nehmen nicht ab."

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