Seit 1. Mai gilt das Handelsabkommen zwischen der EU und Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay vorläufig – die endgültige Ratifizierung in der EU steht noch aus, aber erste Zölle sind bereits gefallen.
In Bayern hofft vor allem die Industrie auf neue Geschäfte. Die Auto-Exporte aus der EU in Mercosur-Staaten könnten sich sogar verdreifachen – von aktuell jährlich 54.000 Fahrzeugen auf 160.000 Fahrzeuge im Jahr 2040. Das sagt Thomas Köberlein, Geschäftsbereichsleiter des Zulieferers Schreiner ProTech, und beruft sich auf Schätzungen des Europäischen Autoherstellerverbands (ACEA) und der EU-Kommission. Bei Bauteilen für Autos könnten damit die Stückzahl von einer auf drei Millionen pro Jahr steigen.
Bayerischer Zulieferer produziert bis 300 Teile pro Auto
Ein Besuch bei der Schreiner Group in Oberschleißheim bei München: Eine 70 Meter lange Siebdruckmaschine zieht sich durch die Produktionshalle. Folie spult Rolle für Rolle weiter, Drucker heben und senken sich im immer gleichen Takt. Raus kommen dabei: Etiketten für Autos. "In jedem Fahrzeug können Sie davon ausgehen, dass bis zu 300 Teile von uns verbaut sind", sagt Köberlein. Damit meint er in erster Linie Etiketten, wie zum Beispiel mit der Fahrgestellnummer.
Manche von ihnen enthalten bis zu sieben versteckte Sicherheitsmerkmale. Wird zum Beispiel die Fahrgestellnummer entfernt, zerstört sich der Druck selbst. "Dann weiß die Polizei: An diesem Fahrzeug wurde etwas manipuliert", so Köberlein.
Mehr Mercosur-Exporte brächten "signifikanten Umsatzanteil"
Rund 75 Prozent des Umsatzes erzielt die Schreiner Group nach Köberleins Angaben außerhalb Deutschlands. Das Unternehmen liefert zwar nicht direkt nach Südamerika, spürt das Mercosur-Abkommen aber über seine Kunden – große Automobilhersteller und Zulieferer in Europa. "Mit jedem Fahrzeug, das mehr in Mercosur-Staaten exportiert wird, exportieren wir indirekt 300 Teile mehr", erklärt er.
Seit 1. Mai sind die Zölle für Fahrzeuge in den Mercosur-Staaten – bisher rund 34 Prozent – auf 17 Prozent halbiert worden. Drei Mal so viele Fahrzeug-Exporte erwartet die Automobilbranche. Für die mittelständische Schreiner Group mit rund 1.300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wäre das deutlich zu spüren: "Das ist ein signifikanter Umsatzanteil. Und es ist grundsätzlich zu begrüßen, dass wir neben den großen Absatzmärkten wie Nordamerika und China weitere Absatzmärkte entwickeln, um einfach robuster zu sein."
Zollsenkungen auch für Chemikalien und Agrarprodukte
Anfang des Jahres ist der Mercosur-Deal unterzeichnet worden. Das EU-Parlament muss das Abkommen noch ratifizieren. Erst wenn der Europäische Gerichtshof das Abkommen geprüft hat, kann das Parlament über die endgültige Zustimmung entscheiden. Eine Frist gibt es dafür nicht.
Trotzdem: Neben den Einfuhrabgaben für Fahrzeuge entfallen sofort oder schrittweise Abgaben für Maschinen (14 bis 20 Prozent), Chemikalien (bis zu 18 Prozent) sowie Textilien und Pharmazeutika. Auch viele Agrarprodukte aus Europa werden günstiger – etwa Wein (bisher bis zu 35 Prozent), Schokolade (20 Prozent) oder Olivenöl.
Interesse wächst, aber kein Befreiungsschlag
Beim Bayerischen Industrie- und Handelskammertag (BIHK) beobachtet Hauptgeschäftsführer Manfred Gößl, dass viele Firmen die Region stärker in den Blick nehmen. "Was wir jetzt merken, ist ein erhöhtes Interesse der Firmen, sich um diese Märkte zu kümmern und vielleicht auch mal den Einstieg zu wagen."
Zu hohe Erwartungen bremst er jedoch: "Tatsächlich kann Südamerika etwas an Verlusten ausgleichen, was wir zum Beispiel im USA-Geschäft oder im China-Geschäft haben, aber niemals vollständig. Dazu ist dieser Markt zu klein. Ein paar Schritte geht es nach vorne, aber es ist nicht so der große Befreiungsschlag." Wichtig sei deshalb, weiterhin an neuen Handelsabkommen zu arbeiten: Man brauche Abkommen mit Südamerika ebenso wie mit Indien und asiatischen Ländern wie Indonesien, Vietnam oder Malaysia.
Noch kein Boom, aber ein spürbarer Impuls
Von einem Auftragsboom kann auch bei der Schreiner Group bisher keine Rede sein. "Wir haben jetzt die konkreten Zollsenkungen seit 1. Mai 2026. Und es geht jetzt langsam los", sagt Köberlein. "Wir merken das indirekt, indem unsere Kunden für diese Mercosur-Staaten mehr bestellen."
In Oberschleißheim sei man auf ein Auftragsplus vorbereitet, sagt Köberlein: "Wir haben die Kapazitäten, wir haben die Produkte und wir bedienen die Nachfrage unserer Kunden."
Im Video: Mercosur-Abkommen - Chancen für die bayerische Wirtschaft?
Mercosur-Abkommen - Chancen für die bayerische Wirtschaft?
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