(Symbolbild) Ein Psychotherapeut und eine Patientin in einer Praxis.
Bildrechte: pa/KEYSTONE | CHRISTIAN BEUTLER

(Symbolbild) Wer eine Psychotherapie braucht, muss oft mit langen Wartezeiten rechnen.

Per Mail sharen
Artikel mit Video-InhaltenVideobeitrag

Kürzungen in der Psychotherapie: Folgen für Praxen und Patienten

Wer eine Psychotherapie braucht, muss oft mit langen Wartezeiten rechnen. Nun wurden die Honorare in der ambulanten Psychotherapieversorgung um 4,5 Prozent gekürzt. Was heißt das für Therapeuten und Patienten? Und welche Lösungsansätze gibt es?

Über dieses Thema berichtet: mehr/wert am .

Nach den Honorarkürzungen um 4,5 Prozent im April warnen Psychotherapeuten vor weiteren Sparmaßnahmen. Sie fürchten eine schlechtere Versorgung, noch längere Wartelisten – gerade für Kassenpatienten – und einen Mangel an Nachwuchs. Welche Auswirkungen haben die Kürzungen auf Patienten und Therapeuten?

Lange Suche nach einem Therapeuten

Christian Scherg aus Lohr am Main in Unterfranken hat harte Jahre hinter sich – geprägt von Alkoholabhängigkeit. 2018 verbrachte er fünf Monate in einer Reha-Klinik. Danach sollte er ambulant weitermachen, fand aber keinen Therapeuten. "Ich habe eine Absage nach der anderen gekriegt", berichtet Scherg. Ohne therapeutische Unterstützung wurde er rückfällig, landete 2022 erneut in einer Rehaklinik. Hätte er Unterstützung durch einen Therapeuten gehabt, wäre eine zweite Reha wohl nicht notwendig geworden, so Scherg.

Drei bis vier Monate warten Patienten bisher zwischen einem Erstgespräch und dem Beginn einer Therapie, laut einer Studie der Kassenärztlichen Vereinigung in Bayern. Therapeuten warnen, dass die Wartezeiten noch länger werden könnten. Besonders kritisch sehen sie eine Budgetierung, wie sie im Beitragsstabilisierungsgesetz der Bundesregierung vorgesehen ist.

Dieses wird auch andere Einschnitte mit sich bringen, wie etwa höhere Patienten-Zuzahlungen für Medikamente, wie Gesundheitsökonom Andreas Beivers von der Fresenius Hochschule in München erläutert.

Im Video: Gesundheits-Sparpaket - Was sagt der Gesundheitsökonom?

Gesundheitsökonom Andreas Beivers im BR-Studio.
Bildrechte: BR
Artikel mit Video-InhaltenVideobeitrag

Was sind die wichtigsten Einschnitte, die auf Versicherte zukommen könnten? Eine Einschätzung liefert Gesundheitsökonom Andreas Beivers.

Lösungsansätze: Gruppentherapien und digitale Angebote

Der Verband der Ersatzkassen legte Lösungsvorschläge vor, wie etwa Gruppentherapien zu stärken und digitale Angebote stärker in die Regelversorgung aufzunehmen. Psychotherapeut Peter Wollschläger aus dem oberbayerischen Traunstein befürwortet den Ausbau der Gruppentherapie: "Gruppentherapie kann mehr Patienten versorgen und vielen Patienten tut dieses Setting der Gruppe einfach gut", erklärt Wollschläger. Für ihn ist es eine Win-Win-Win-Situation: ein gutes Honorar für den Therapeuten, wenn auch gekürzt, geringere Kosten für die Kasse und mehr Plätze für Patienten. Aber: Gruppentherapie passe nicht für jeden.

Wissenschaftliche Forschung zu KI-gestützter Therapie

Digitale Gesundheitsanwendungen, wie Schlaf- oder Depressions-Apps, deren Kosten die Kassen übernehmen, sowie Online-Therapien gibt es bereits. Die Idee, in der Psychotherapie durch KI und digitale Hilfen Patienten und Therapeuten zu unterstützen, ist ein wachsender Markt.

Auch an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) wird dazu geforscht (externer Link). Am Lehrstuhl für klinische Psychologie und Psychotherapie wird etwa untersucht, wie sich Mimik und Körpersprache einsetzen lassen, um Psychotherapie noch effektiver zu machen.

Auch bei bipolaren Störungen setzt die Uni Erlangen an: Mit einer KI-gestützten Anwendung, die Daten aus Smartwatches, Schlafmuster und weitere Informationen kombiniert. "Wir entwickeln Algorithmen, die dann den Betroffenen Feedback geben, bevor eben eine neue Krise entsteht", erklärt Andreas Weigert, Forscher für KI-gestützte Psychotherapie an der FAU. Das könnte auch Geld sparen: "Jeder vermiedene Klinikaufenthalt sind 15.000 Euro, die dem System anderweitig zugutekommen können", so Weigert. Bei 22.000 Einweisungen im Jahr sei das Potenzial groß.

Psychotherapie-Professor sieht KI nur als Ergänzung

Der Leiter des Lehrstuhls für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der FAU, Matthias Berking, sieht digitale Gesundheitsanwendungen und KI nur als Therapie-Ergänzung und -unterstützung. Sparen allein sei kein Selbstzweck: Ein Therapieprozess sei sehr strukturiert, mit aufeinander aufbauenden Bestandteilen. "Da sehen wir, wenn wir KI anschauen: Das kann sie einfach nicht." KI habe nicht den Blick auf das große Ganze und könne nicht strategisch Therapie planen, so Berking.

Christian Scherg hat nach seinem zweiten Reha-Aufenthalt einen Therapeuten gefunden. Seither ist er trocken geblieben und hat eine Selbsthilfegruppe gegründet. Die Sparmaßnahmen im Gesundheitssektor bereiten ihm allerdings Sorgen. "Das macht einfach Angst", sagt er. Auf Kosten der psychischen Gesundheit zu sparen, findet er fatal.

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!