Noch arbeitet Bernhard Kern in heimischen Gefilden. Im Trachtenjanker sitzt er in seinem Büro, über ihm ein Gemälde des Watzmanns. Der Landrat im Berchtesgadener Land ist hier tief verwurzelt und blickt auf eine intensive Amtszeit zurück.
Geprägt war diese von außergewöhnlichen Belastungen. Kurz nach seinem Amtsantritt begann die Corona-Pandemie. Es folgten das schwere Hochwasser im Jahr 2021, der Krieg in der Ukraine und die damit verbundene Aufnahme von Geflüchteten und Asylbewerbern. Immer wieder seien neue Herausforderungen von außen hinzugekommen.
Die Entscheidung, nicht mehr als Landrat anzutreten, traf Kern bereits vor rund einem Jahr – aus persönlichen Gründen und mit dem Wunsch nach mehr Zeit für seine Familie. Vor seiner Tätigkeit als Landrat führte er ein Ingenieurbüro. Entsprechend lotete er seine beruflichen Perspektiven neu aus: eine Rückkehr in die Privatwirtschaft oder ein Wechsel in eine Behörde.
In dieser Phase stieß er auf eine Stellenausschreibung im Bayerischen Staatsanzeiger, in der die Gemeinde Halblech eine hauptamtliche Bürgermeisterin oder einen hauptamtlichen Bürgermeister suchte.
Neubeginn im Ostallgäu
Die rund 3.500 Einwohnerinnen und Einwohner zählende Gemeinde liegt rund 200 Kilometer von Kerns bisherigem Wirkungsort entfernt. Auch hier stehen große Aufgaben an: Es fehlt an bezahlbarem Wohnraum, Straßen müssen saniert werden, und für Schulen sowie andere öffentliche Einrichtungen braucht es langfristige Konzepte.
In vielen Punkten ähneln die Herausforderungen denen im Berchtesgadener Land – wenn auch in deutlich kleinerem Ausmaß. Dort war Kern als Landrat für mehr als 100.000 Menschen politisch verantwortlich, in Halblech sind es rund 3.500.
Der amtierende Bürgermeister stand für ein Gespräch nicht zur Verfügung. Unter den Bürgerinnen und Bürgern wird die Kandidatur eines Bewerbers von außerhalb unterschiedlich bewertet. Einige sehen in Kerns Erfahrung als früherem Landrat einen Vorteil und trauen ihm zu, sich schnell zurechtzufinden. Andere äußern Zweifel, weil er das Dorf, seine Mentalität und seine Besonderheiten noch nicht kenne. Wieder andere bedauern, dass niemand aus der eigenen Gemeinde kandidiert, betonen aber zugleich, dass auch jemand von außerhalb gute Arbeit leisten könne.
Weniger Engagement in der Kommunalpolitik
Wie viele Kandidierende bei Kommunalwahlen in Bayern nicht aus der jeweiligen Gemeinde stammen, ist bislang nicht systematisch erfasst. Verlässliche Zahlen liegen nicht vor.
Gleichzeitig beschäftigt sich die Wissenschaft zunehmend mit der Frage, warum sich immer weniger Menschen politisch engagieren. Der Politikwissenschaftler Martin Gross vom Geschwister-Scholl-Institut in München verweist auf mehrere Ursachen. Dazu zähle ein gesellschaftlicher Trend zu einem raueren Umgang mit Politikerinnen und Politikern. Gerade in der Kommunalpolitik seien diese weniger geschützt als auf Landes- oder Bundesebene. Zudem stelle der hohe zeitliche Aufwand eine große Hürde dar. Beides trage dazu bei, dass sich viele Menschen gegen eine Kandidatur entscheiden, so Gross.
Respekt vor dem Amt
Der zeitliche Einsatz schreckt Bernhard Kern nach eigenen Angaben nicht ab. Er tritt ohne Gegenkandidaten an – als Parteiloser, obwohl er ein CSU-Parteibuch besitzt. Damit gilt seine Wahl zum Bürgermeister als sehr wahrscheinlich.
Gleichzeitig betont Kern, dass er das Amt nicht auf die leichte Schulter nehme. Unabhängig davon, ob es sich um ein Landrats- oder Bürgermeisteramt handle, empfinde er großen Respekt vor der Verantwortung und den damit verbundenen Aufgaben. Besonders wichtig sei ihm dabei das Engagement auf kommunaler Ebene.
Um Vertrauen aufzubauen, will er sich bei mehreren Veranstaltungen in Halblech vorstellen und mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch kommen. Er möchte die Menschen vor Ort kennenlernen und sich als neuer Ansprechpartner präsentieren.
Seine Verbindung zum Berchtesgadener Land will der scheidende Landrat dennoch nicht abbrechen lassen. Für Bernhard Kern beginnt damit ein neues Kapitel: weg von der großen Kreispolitik, hin zu den konkreten Anliegen einer kleinen Gemeinde – bei gleichzeitiger Verbundenheit mit seiner Heimat.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!


