Fotomontage: Auf einem Wegweiser befindet sich der Schriftzug Rehaklinik.
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Fotomontage: Auf einem Wegweiser befindet sich der Schriftzug Rehaklinik.

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Erneut Missstände in Rehaklinik in Lenggries?

Gefährdung und Schädigung von Patienten, Hygienemängel – so lauten die Vorwürfe. Bayerische Krankenkassen und das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen prüfen Konsequenzen. Die geriatrische Rehaklinik bestreitet die Vorwürfe.

Über dieses Thema berichtet: BAYERN 3-Nachrichten am .

Aus einem internen Schreiben, das dem BR vorliegt, geht hervor, dass es massive Missstände in der geriatrischen Rehaklinik im oberbayerischen Lenggries gegeben haben soll. Bei unangemeldeten Kontrollen im Januar stellten die Aufsichtsbehörden demnach fest, dass zu wenig Personal und zu wenige Fachkräfte vorhanden waren. Zwischenzeitlich war das Haus laut Unterlagen mit 71 Senioren überbelegt, die Rehaklinik ist für 60 Betten zugelassen. In dem Schreiben heißt es, dass Reinigungskräfte Tabletten verabreicht und Insulin gespritzt hätten. Ein mutmaßlicher Norovirus-Ausbruch wurde demnach weder dem Gesundheitsamt gemeldet noch Patienten oder Besuchern mitgeteilt. Kranke und gesunde Patienten sollen in einem Zimmer gelegen haben, Stuhl und Erbrochenes seien zum Teil nicht beseitigt worden. Es fehlte nach Angaben der Aufsichtsbehörden an Desinfektionsmittel, Materialien zur Wundversorgung und Bettwäsche. Dem internen Schreiben zufolge sind mehrere alte Menschen zu Schaden gekommen.

Kassen wollen Rehaklinik kündigen

Die Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassenverbände in Bayern (ARGE) möchte den Versorgungsvertrag der Geriatrischen Rehabilitation Oberbayern Lenggries GmbH kündigen. Offiziell heißt es auf BR-Anfrage, man prüfe aktuell aufgrund von Beschwerden von Patienten und deren Angehörigen etwaige Mängel in der Rehaklinik. Die ARGE habe ein Anhörungsverfahren eingeleitet. Inzwischen liege eine umfangreiche Stellungnahme der Rehaklinik vor, die man nun prüfen müsse. Die Kassen stützen sich außerdem auf Berichte "anderer Behörden". Damit ist nach BR-Informationen nicht nur der Medizinische Dienst gemeint, sondern auch das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen.

Landratsamt wurde nach Beschwerden aktiv

Das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen schreibt dem BR, man habe auf "eine auffällige Anzahl verschiedener Beschwerden" mit unangemeldeten Begehungen reagiert. Unter anderem habe es Unstimmigkeiten beim Personal gegeben. Derzeit laufe ein Verwaltungsverfahren zum Widerruf der Konzession der Rehaklinik, deshalb könne man sich nicht weiter äußern.

Das Landratsamt kann der Klinik Auflagen machen, etwa vorschreiben, dass künftig deutlich weniger Patienten aufgenommen werden dürfen. Ein Widerruf der gewerberechtlichen Erlaubnis zur Betreibung der Klinik wäre die härteste Entscheidung.

Rehaklinik weist Vorwürfe zurück

Der Geschäftsführer schreibt dem BR, man nehme die Behauptungen und Beschwerden sehr ernst. Die Geschäftsführung gehe davon aus, die Vorwürfe entkräften zu können: "Wo sich vereinzelt Verbesserungsbedarf gezeigt hat, haben wir umgehend gehandelt und entsprechende Maßnahmen umgesetzt."

Der Geschäftsführer verweist darauf, dass noch kein Bescheid, keine Sanktion und kein Widerruf der Konzession erfolgt sei. Reinigungskräfte, so der Manager, hätten zu keinem Zeitpunkt pflegerische Arbeiten übernommen und auch keine Medikamente verabreicht. Patienten seien nicht geschädigt worden.

Die Verfahren haben laut Klinikbetreiber bereits jetzt erhebliche wirtschaftliche Folgen: Die Patientenzahl habe sich auf circa 25 reduziert. Ende März hat die Geriatrische Rehabilitation Oberbayern Lenggries GmbH Insolvenz beantragt.

Rehaklinik wurde bereits 2023 wegen Missständen geschlossen

Es ist nicht das erste Mal, dass die geriatrische Rehaklinik in Lenggries Negativschlagzeilen macht. Im Juni 2023 durchsuchte die Polizei das Haus – wegen des Verdachts auf pflegerische Missstände sowie der vorsätzlichen Körperverletzung. Zum August 2023 entzog das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen die Betriebserlaubnis. Unter neuer Leitung öffnete das Haus 2024 wieder.

Patienten und Angehörige bestätigen Missstände

BR Recherche hat Gespräche mit einigen früheren Patienten der Rehaklinik sowie deren Angehörigen geführt. Sie schildern Missstände, die den Vorwürfen von Kassen und Aufsichtsbehörden gleichen. Die meisten von ihnen sagen, sie hoffen darauf, dass die Rehaklinik in Lenggries nun auf Dauer geschlossen wird.

Wenn Sie Missstände melden wollen, können Sie sich per Mail an das Investigativteam des Bayerischen Rundfunks wenden: brrecherche@br.de

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