Am 20. Juli 1944 explodiert im Führerhauptquartier Wolfsschanze eine Bombe. Adolf Hitler überlebt. Claus Graf von Stauffenberg wird schnell gefasst. Er hatte die Bombe deponiert. Aber wer wusste noch vom Attentat?
Acht Tage nach dem größten Umsturzversuch in der Zeit des Nationalsozialismus läuft in München ein Jesuit in eine Kirche in München. Am 28. Juli 1944 hält der katholische Priester Alfred Delp eine Frühmesse. Dort wird er von der Gestapo mitgenommen.
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Alfred Delp soll ein Seliger werden
Mehr als ein halbes Jahr ist Delp in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel. Die Nazis verhören ihn: Warum hat er im Juni 1944 Graf von Stauffenberg besucht? Delp beteuert: Er wusste nichts von den Attentatsplänen. Tatsächlich war er von Stauffenbergs Verhaftung völlig überrascht, wie der Jesuitenorden auf seiner Webseite schreibt. Im Volksgerichtshof macht ihm der berüchtigte Präsident Roland Freisler den Prozess. Das Urteil lautet: Hoch- und Landesverrat. Delp wird zum Tod verurteilt. Die Anklage der Mitwisserschaft vom Attentat lassen die Nazis fallen.
Der Münchner Jesuitenpater Karl Kern beschäftigt sich seit mehr als einem halben Jahrhundert mit Alfred Delp. Er kennt die Texte, die Delp nach seiner Verhaftung im Gefängnis in Berlin geschrieben hat. "Er bezeichnet dieses Verfahren als Orgie des Hasses. Er wurde gefoltert, gebrochen, als Ratte beschimpft. Es war furchtbar. Und da aufrecht zu bleiben, das ist ein Zeichen von innerer Stärke", sagt Karl Kern.
Delp schreibt gegen die NS-Ideologie von Blut, Rasse, Volk und Ehre
1907 wird Delp in Mannheim geboren. Nach dem Abitur tritt er in den Jesuitenorden ein und wird später in München zum Priester geweiht. Als Redakteur für die einflussreiche Jesuitenzeitschrift "Stimmen der Zeit" schreibt er gegen die NS-Ideologie an.
Nachdem die Nazis die "Stimmen der Zeit" verbieten, wird Delp Seelsorger in St. Georg, einer kleinen Kirche in München-Bogenhausen. Er engagiert sich für verfolgte Juden. Seine Messen werden unter regimekritischen Katholiken zum Geheimtipp. "Er hat das Regime sehr grundlegend kritisiert. Sein Grundgedanke war: Der moderne Mensch - gerade im Nationalsozialismus - hat die Mitte verloren und dadurch sich selbst verloren," sagt Delp-Kenner und Jesuit Kern.
1942 knüpft Delp erste Kontakte zum Kreisauer Kreis, eine zivile Widerstandsgruppe um den Juristen Graf von Moltke. Die Politiker und Intellektuellen diskutieren über eine neue Gesellschaftsordnung nach und ohne Hitler. Delp ist geprägt von der katholischen Soziallehre, er denkt über eine "Dritte Idee" nach: einen Weg jenseits von Kapitalismus und Marxismus. Eine Lösung findet er in einem "christlichen Sozialismus".
Mitglieder berieten sich auf dem Gut Kreisau in Schlesien im heutigen Polen. Konspirative Treffen fanden aber auch in München statt, zum Beispiel auf dem Gelände der heutigen Hochschule für Philosophie. Dort, im Keller, liegt heute der Nachlass von Alfred Delp.
Seligsprechung: ein kompliziertes und kostspieliges Verfahren
Clemens Brodkorb ist als Leiter des Münchner Jesuitenarchivs zuständig für die Dokumente. Er gehört zu einer historischen Kommission, die dem Vatikan belegen will: Alfred Delp war ein Seliger. "Er ist ein mutiger Mann. Er hatte vor seiner Verhaftung die Möglichkeit, unterzutauchen. Er tut es nicht. Und hat damit sein Leben riskiert."
Es braucht ein kompliziertes – auch kostspieliges – Verfahren, damit jemand seliggesprochen werden kann. Seliggesprochen sein bedeutet in der katholischen Kirche, ein Vorbild im Glauben zu sein, das offiziell verehrt werden kann. Außerdem können Kirchengebäude nach Seligen benannt werden, zu ihnen kann gebetet werden und an Gedenktagen an sie erinnert werden.
Im Gegensatz zu Heiligen werden Selige nur regional verehrt. Aber: Wenn jemand einmal selig ist, kann er – sofern ein Wunder dokumentiert ist – später heiliggesprochen werden.
Im Gegensatz zu Heiligen werden Selige "nur" regional verehrt
Für die Seligsprechung müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein. Im Fall von Alfred Delp ist zentral: Er muss für seinen Glauben gestorben sein. Ein entscheidendes Beweisstück könnte ein Brief sein. Delp schreibt letzte Zeilen an seine Mitbrüder, als er das Todesurteil schon erhalten hat: "Der eigentliche Grund der Verurteilung ist der, dass ich Jesuit bin und geblieben bin." Und später konstatiert er: "Das war kein Gericht, sondern eine Funktion des Vernichtungswillens."
Für Archivar Brodkorb ist Delp ein Märtyrer: "Er gibt sein Leben für die Kirche, für sein Priestertum." Ähnlich wie es schon in der Bibel stehe: "Es gibt nichts Größeres, als sein Leben für seine Freunde hinzugeben."
Am 2. Februar 1945 wird Alfred Delp in Berlin-Plötzensee gehängt. 81 Jahre später, am 2. Februar 2026, eröffnet das Münchner Erzbistum nun feierlich das sogenannte "Seligsprechungsverfahren".
Mehr zum Thema "Erinnerungskultur - Gegen das Vergessen" in der Sendung STATIONEN in der ARD Mediathek.
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