Jahre nach dem Übergriff fährt Lena (Name geändert) durch ihren Heimatort im Landkreis Würzburg. Plötzlich sieht sie den Mann über die Straße gehen. "Ich hatte den Impuls, tatsächlich Gas zu geben", sagt sie. Sie tut es nicht, fährt nach Hause. Diese Gedanken plagen sie mehr als zehn Jahre nach der Tat. "Ich hab' gemerkt: Der hat ganz schön Spuren hinterlassen." Was war damals geschehen?
Elferrat begrapscht das Mädchen
Damals ist Lena 14. Zusammen mit ihrem Tanzpartner wärmt sie sich in einem kleinen Raum auf, als ein Elferrat dazukommt. "Ich weiß nicht genau, wer, irgendwas zwischen 40 und 50 wird der damals gewesen sein", erinnert sie sich. Irgendwann habe er sie in den Arm genommen. "Das war mir schon unangenehm." Dann habe er ihr an die Brüste gefasst. "Ich konnte gar nichts machen, ich war wie versteinert", sagt sie. Ihr Tanzpartner bekommt das Grapschen mit.
Ärger im Dorf – und keine Anzeige
Nach dem Auftritt erzählt Lena ihrer Trainerin, was passiert ist. Es folgt Tumult: Anschuldigungen, Druck, Drohungen. Es kommt zu einer Aussprache beim Bürgermeister. Lenas Darstellung wird infrage gestellt, der Beschuldigte droht mit Anzeige wegen Rufmords. Selbst der einzige Zeuge rudert zurück. Der Fall wird nie bei der Polizei angezeigt. "Ich war erst 14", sagt Lena. "Ich hatte Angst. Wenn mir die Leute um mich herum schon nicht glauben – wird mir dann die Polizei glauben?" Ihre Mutter sagt, der Vater dürfe es nicht wissen, "aus Angst, dass er ausrastet".
Fastnachtverband Franken startet Präventionskampagne
Solche Fälle seien leider kein Einzelfall, sagt Jonas Eyrich vom Fastnachtverband Franken. "Im Schnitt muss sich eine betroffene Person sieben Mal mitteilen, bis sie wirklich gehört wird." Eyrich ist Verbandsjugendleiter und einer von zwei Kinder- und Jugendschutzbeauftragten. Beide Stellen – auch die seiner Kollegin Anette Neudert – wurden im September 2025 geschaffen, als Teil der Kampagne "Hinschauen! Schützen! Handeln!".
Der Verband hat ein Präventionskonzept gegen Grenzüberschreitungen und sexualisierte Gewalt erarbeitet. Es enthält klare Regeln für die Jugendarbeit: Kinder und Jugendliche dürfen nie allein mit Erwachsenen sein, insbesondere nicht in kontaktintensiven Trainingssituationen. Regelmäßige Vorlage von Führungszeugnissen, Benennung von Vertrauenspersonen und Schulungen für Vereine sollen sichere Räume schaffen.
Beratung für Vereine – aber auch für Betroffene
Zum Fastnachtverband Franken gehören rund 340 Vereine, etwa 45 haben bereits an Schulungen teilgenommen. Jonas Eyrich hat vor allem beratende Funktion für Betroffene oder Vereine: "Wir stehen einfach zur Seite und geben hier Tipps, denn die Hemmschwelle ist schon relativ groß, sich direkt an ein Jugendamt oder an die Polizei zu wenden. Es geht halt manchmal um die Fragestellungen: Gehe ich wirklich gegen den Trainer vor? Wie ist der Fall im Verein aufzuarbeiten?" In schwerwiegenden Fällen müsse aber immer sofort die Polizei informiert werden. Bisher wurde Eyrich und seiner Kollegin ein Verdachtsfall gemeldet, den man zusammen mit Verein und Eltern habe klären können.
Sexuelle Belästigung: Zahl der Anzeigen zu Fasching nicht höher
Die Polizei Unterfranken warnt in der Faschingszeit vor allem vor übermäßigem Alkoholkonsum. Es gebe laut Polizei aber keinen besonderen Schwerpunkt bei Sexualstraftaten zu Fasching: "In den letzten Jahren gab es keine großen Anzeigenerstattungen. Rein von der Statistik her, haben wir in diesem Bereich kein Problem in Unterfranken."
Lena: "Paten" forderten "Gegenleistungen"
Kinder und Jugendliche vor Grenzüberschreitungen zu schützen – damit fangen viele Vereine erst jetzt richtig an. Das musste auch Lena feststellen. Nach Jahren Pause nimmt sie das Gardetanzen in einem anderen Verein wieder auf. Doch auch dort hört sie von Übergriffen, etwa "Patenschaften" zwischen Elferräten und Gardemädchen. Die "Paten" achteten darauf, dass die Mädchen genug zu Essen und zu Trinken hatten. "Manche dachten: Ich zahle für dich, also darf ich auch Gegenleistungen erwarten. Sexuelle Gegenleistungen. Das hat man dann wieder abgeschafft", berichtet Lena.
Jahrelang ist sie im Fasching aktiv, trainiert Tanzgarden. Doch das Erlebte hat ihr den Spaß verdorben: "Nicht mehr mein Thema, nicht mehr meine Welt", sagt sie.
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