Für Betroffene kann es der Horror sein - und die Zahlen nehmen offensichtlich immer mehr zu. Die Rede ist von Cybermobbing. Mehr als 7,2 Millionen Menschen sind in Deutschland damit schon einmal betroffen gewesen. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Bündnisses gegen Cybermobbing hervor, deren Ergebnisse die Organisation am Freitag in Berlin vorgestellt hat.
Jedes vierte Opfer suizidgefährdet
Gegenüber der Vorgängerbefragung aus dem Jahr 2021 nahm Cybermobbing demnach nennenswert zu: Nach damals 11,5 Prozent erhöhte sich der Anteil der davon Betroffenen in der Befragung auf nun 14 Prozent. Vor allem verbreitet ist Cybermobbing bei den jüngeren Menschen zwischen 18 und 24 Jahren - also etwa ältere Schüler, Azubis oder Lehrlinge. 25 Prozent der Altersgruppe gaben laut dem Bündnis an, Cybermobbing erlebt zu haben.
Unter Cybermobbing fallen demnach etwa Belästigung, Beleidigung, Diffamierung, Bloßstellung oder Nötigung über das Internet - über soziale Netzwerke, Mails, Chatrooms, Videos. Was für Experten zudem besorgniserregend ist: Jedes vierte Cybermobbingopfer stufe sich in der Studie als suizidgefährdet ein. Das alles zeige sehr deutlich, dass man es nicht mit einem Kavaliersdelikt zu tun habe, betont der Vorsitzende des Bündnisses, Uwe Leest.
Betroffene sind oftmals auch Täter
Cybermobbing-Vorfälle spielen sich dabei mit 62 Prozent überwiegend im privaten Umfeld ab. Bei den Tätern handelt es sich bei beiden Mobbingformen im privaten Umfeld meist um Freunde, auch wenn dieser Täterkreis im Vergleich zur Vorstudie abnahm. Mehr Täter als vor vier Jahren kommen inzwischen aus der Familie, der Nachbarschaft oder Vereinen.
Wer mobbt, wird den Studienautoren zufolge häufig davor selbst gemobbt: Zwei Drittel der erfassten Täter waren selbst Cybermobbingopfer. Die meisten Menschen, die unter Cybermobbing leiden, sind zugleich auch Opfer von "klassischem" Mobbing. In beiden Mobbing-Problemfeldern verschärfe sich die Situation nun schon seit der ersten Befragung von 2014 stetig weiter, so Leest. "Mobbing ist ein fester Bestandteil in unserer Gesellschaft."
Mobbing tritt vor allem im Beruf auf
Insgesamt sind laut der Studie hierzulande 37 Prozent der Menschen schon einmal Opfer von Mobbingattacken geworden. Das bedeute einen Anstieg um 12,9 Prozent im Vergleich zur letzten Erhebung 2021 und entspreche rund 19 Millionen Menschen in der Altersgruppe von 18 bis 65 Jahren. Besonders für Frauen und für jüngere Menschen ist die Gefahr durch Mobbing oder Cybermobbing hoch, hier liegt die Wahrscheinlichkeit einer Mobbingattacke 1,3-mal höher als bei Männern.
In hohem Maße prägt Mobbing bei Erwachsenen die Arbeitswelt, wo 43 Prozent der Vorfälle stattfinden. Dabei ist allerdings ein Rückgang um zehn Prozentpunkte im Vergleich zur vergangenen Studie aus dem Jahr 2021 zu beobachten. Vorgesetzte sind demnach in mehr als der Hälfte der Mobbingfälle am Arbeitsplatz als Täter oder Mittäter beteiligt.
Mobbing als "Gruppenphänomen"
Bei den jüngeren Erwachsenen zeige sich, dass das gelernte negative Verhalten in Jugend- und Schulzeit häufig übernommen werde ins Arbeitsleben. Ein "erfolgreicher" Täter, der nicht gestoppt wurde, suche sich oft auch mehrere Opfer oder halte nach Mittätern Ausschau.
Das "klassische" Mobbing sei auch ein "Gruppenphänomen", heißt es. Das am häufigsten (52 Prozent) von Tätern genannte Motiv war: "weil andere das auch tun". Fast jeder dritte Täter gibt an, "aus Ärger mit der Person" gehandelt zu haben. Beim Cybermobbing spielen hingegen direkte Konflikte mit dem Opfer eine stärkere Rolle.
Studie schätzt wirtschaftlichen Schaden auf über vier Milliarden Euro
Der direkte wirtschaftliche Schaden durch Krankheitstage infolge von Mobbing belaufe sich auf rund 4,3 Milliarden Euro im Jahr, schätzen die Studienautoren. Mobbing am Arbeitsplatz senke zudem die Arbeitsleistung, manchmal werde die Stelle gewechselt. Betriebe sollten solche Angriffe schon aus eigenem Interesse angehen. "Unternehmen brauchen eine Sozialcharta."
Der Vorsitzende des Bündnisses, Leest, unterstreicht: "Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern wir haben ein Handlungsproblem." Sensibilisierung und Prävention müssten schon in der Schule beginnen. Es sei mehr Unterstützung für Hilfesuchende nötig. Das Bündnis hat die bundesweite empirische Studie eigenen Angaben zufolge nach 2014, 2018 und 2021 zum vierten Mal erhoben. Dafür seien vom 29. Juli bis 8. August 2023 repräsentativ 2.030 Erwachsene im Alter von 18 bis 65 Jahren online befragt worden.
Sollten Sie selbst Hilfe benötigen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Beratung erhalten Sie unter der kostenlosen Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222.
Mit Informationen von dpa, epd und AFP
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