"Ich wundere mich immer wieder darüber", so Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) unlängst bei einem Kongress der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, "wie zum Beispiel die Grünen mit einer unglaublichen Pose für Gleichberechtigung und Frauenrechte einstehen – und dann werden sie plötzlich ganz still, wenn es mal darum geht, mal über das Familienbild im Islam zu sprechen und mal darüber offen zu sprechen, was da denn auch für ein Frauenbild in diesen Gesellschaften teilweise herrscht."
In Frankfurt sorgten die Worte des Kanzlers für Applaus – unter vielen Muslimen in Deutschland eher für Befremden. Zum Beispiel in der Moscheegemeinde in Penzberg. Imam Benjamin Idriz schrieb Merz nach diesen Äußerungen einen Brief. Darin beklagt er, der Kanzler habe nicht zwischen religiöser Norm, kultureller Praxis und individuellen Fehlentwicklungen unterschieden.
Imam: "Religion nicht pauschal verurteilen"
So entstünde der Eindruck, als sei das Problem im Glauben selbst verankert, nicht in dessen mitunter defizitären gesellschaftlichen Umsetzungen. "Mich stört vor allem die Verallgemeinerung", sagt Idriz dem BR. "Probleme müssen klar benannt werden, ohne eine ganze Religion pauschal zu verurteilen. Sonst schwächt man genau diejenigen, die sich innerhalb der muslimischen Gemeinschaft für Veränderung einsetzen." Der Imam wünsche sich vielmehr eine Debatte, "in der wir gemeinsam gegen Missinterpretationen vorgehen – nicht gegeneinander, sondern miteinander".
Ähnlich sieht das die feministische Islamwissenschaftlerin Dina El-Omari von der Universität Münster. Das Frauenbild gebe es weder im Islam noch im Christentum, Judentum oder anderen Religionen. "Das heißt natürlich nicht, dass es nicht auch in muslimischen Konstellationen, auch unter muslimischen Männern, geschlechterungerechte Perspektiven gibt", sagt El-Omari im BR. Antifeminismus sei aber ein "gesamtgesellschaftliches Problem", das sich nicht auf Teile der muslimischen Welt beschränken ließe.
Islamwissenschaftlerin: "Muslimische Ehen völlig normal"
Imam Idriz nennt auch den Fall Epstein. Selbst in westlichen Eliten gebe es gravierende Formen von Missbrauch. Sexismus, Frauenverachtung und Gewalt gegen Frauen müssten als Problem ernstgenommen werden, dürften aber nicht religiös einseitig zugeschrieben werden.
"Wer ist denn lauter am Ende des Tages?" Das ist für Islamwissenschaftlerin El-Omari die entscheidende Frage. "Ich kann Ihnen sagen – aus meinem kompletten Freundeskreis: Muslimische Ehen sind so gestaltet, dass die Männer eins zu eins Verantwortung übernehmen wie die Frauen. Das ist völlig normal, dass die in der Kindererziehung mit involviert sind und so weiter und so fort. Aber das sind ja in der Regel nicht die Stimmen, die laut sind." Laut seien dagegen die antifeministischen Stimmen, vor allem im digitalen Raum.
Imam Idriz hat Friedrich Merz nun nach Penzberg eingeladen, damit sich der Kanzler ein Bild machen kann. Eine Antwort hat Idriz noch nicht, aber er hofft auf eine persönliche Begegnung. Denn in spannungsreichen Zeiten brauche es Dialog statt Distanz.
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