Seit Jahren wehrt sich die deutsche Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes laut eigener Aussage gegen herabwürdigende Darstellungen im Internet. In ihrem Namen sollen pornografische Fake-Fotos und Videos im Internet kursieren, die ihr täuschend ähnlich sehen. Auch Telefonsex in ihrem Namen habe es gegeben, mit einer mittels KI verstellten Stimme, die ihre eigene imitiert habe.
Lange suchte Fernandes nach den Verantwortlichen, so erzählt sie es dem Nachrichtenmagazin "Spiegel" (externer Link, möglicherweise Bezahl-Inhalt). Mittlerweile will sie ihn gefunden haben: Sie beschuldigt ihren Ex-Mann Christian Ulmen.
Anzeige in Spanien erstattet – Vorermittlungen laufen
Fernandes hat ihre Vorwürfe auch auf ihrem Instagram-Account öffentlich gemacht. Dort berichtet sie unter anderem, wie sie auf die Fake-Profile aufmerksam wurde, von ihrer Recherche nach den Verantwortlichen. Ende 2025 erstattete sie in Spanien Anzeige gegen ihren Ex-Mann. Eine Gerichtssprecherin bestätigte der ARD auf Anfrage, dass eine entsprechende Anzeige vorliege. Seit Anfang Dezember laufen demnach Vorermittlungen. Ob es zu einer Anklage kommt, werde noch entschieden.
Auf eine BR-Anfrage mit Bitte um Stellungnahme zu den Vorwürfen haben weder die Anwälte von Ulmen noch von Fernandes bis Freitagnachmittag reagiert. Ulmens Anwalt teilte anderen Medien mit, dass er die Berichterstattung des "Spiegel" aus mehreren Gründen für rechtswidrig halte und rechtliche Schritte dagegen einleite. Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung. Öffentlich geäußert hat er sich zu den Vorwürfen bislang nicht.
HateAid-Chefin: "Sie ist bei weitem kein Einzelfall"
Der Fall Collien Fernandes erregt die Aufmerksamkeit vieler Menschen, auch, weil sie in der Öffentlichkeit steht. Josephine Ballon, Geschäftsführerin der gemeinnützigen Organisation HateAid, spricht mit Blick auf die Vorwürfe von einem "besonders extremen" Fall. Zugleich betont sie: "Sie ist bei weitem kein Einzelfall." In den Beratungsstellen beobachte HateAid, dass Anfragen zu digitaler Gewalt zunehmen würden. Die Betroffenen: nicht nur Promis, sondern auch Privatpersonen.
Denn pornografisches Material zu erstellen, sei einfach geworden. Besonders von Promis gebe es viele Bilder im Internet, ein Profilbild von Instagram oder LinkedIn reiche aber auch schon aus. Entsprechende Tools gebe es kostenfrei. "Somit ist es im wahrsten Sinne des Wortes kinderleicht, solches Bildmaterial zu erstellen, selbst ohne jeglichen technischen Sachverstand", sagt Ballon.
Juristin: Tätern geht es oft um Demütigung
Für die Betroffenen könne das psychisch sehr belastend sein, Depressionen oder Angstzustände auslösen. Denn es bestehe immer die Gefahr, dass Menschen aus dem sozialen Umfeld die Bilder sehen, etwa Freunde oder der Arbeitgeber. Betroffene lebten in dauerhafter Angst. Dazu kommt: Einmal im Netz, verschwinden die Inhalte kaum. "Es ist oft eine lebenslange Aufgabe, diese Bilder aus dem Internet wieder zu entfernen", sagt Ballon.
Tätern gehe es oft darum, Frauen zu demütigen, zu degradieren und ihnen Kompetenz abzusprechen, sagt Juristin Ballon. Sie kritisiert, dass belastbare Zahlen zum Thema fehlen – was auch daran liege, dass es keinen eindeutigen Straftatbestand gebe. "Das muss sich dringend ändern", fordert Ballon.
Im Video: Expertin über die Rechtslage bei digitaler sexueller Gewalt
Anna-Lena von Hodenberg von HateAid, einer Organisation, die sich gegen digitale Gewalt und für Menschenrechte im Netz einsetzt.
Dunkelfeldstudie zeigt erhebliches Ausmaß digitaler Gewalt
In Spanien, wo Fernandes Anzeige erstattet hat, ist die Rechtslage anders als in Deutschland. Geschlechtsspezifische Gewalt kann dort seit etwa 20 Jahren auf Basis des "Organic Act 1/2004" umfassender verfolgt werden. Deutschland hat das Problem von digitaler sexualisierter Gewalt zwar mittlerweile erkannt, aber kein Gesetz verabschiedet. Das will Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) ändern und ein neues Gesetz auf den Weg bringen.
Auch wenn belastbare Zahlen fehlen, haben das Bundesfamilienministerium und das Bundeskriminalamt unlängst eine "Dunkelfeldstudie" veröffentlicht (externer Link), die auch auf digitale Gewalt eingeht. Sie kommt zu dem Ergebnis: Jede fünfte Frau (20 Prozent) und jeder siebte Mann (13,9 Prozent) waren in den vergangenen fünf Jahren von digitaler Gewalt im weiteren Sinn betroffen.
Unter digitale Gewalt im weiteren Sinne fasst die Studie nicht nur Gewalt im digitalen Raum, etwa in Form von Identitätsdiebstahl, Fake-Profilen oder Bildmanipulation, sondern auch psychische Gewalt, Stalking oder sexuelle Belästigung ohne Körperkontakt. Angezeigt werde digitale Gewalt selten.
CSU fordert deutlich härtere Strafen im digitalen Raum
Die CSU reagierte auf den Fall. Der Fraktionsvorsitzende Klaus Holetschek dazu: "Der Fall ist erschreckend. Wenn er sich bewahrheitet, zeigt er deutlich: Die Grenzen zwischen analoger und digitaler Welt verschwimmen immer mehr, auch bei krimineller Gewalt. Psychische Gewalt, Identitätsdiebstahl und die Entwürdigung von Menschen mithilfe von KI sind Verbrechen, denen wir uns mit aller Kraft entgegenstellen müssen." Holetschek fordert deutlich härtere Strafen und konsequente Verfolgung auch im digitalen Raum, um Täter zur Rechenschaft zu ziehen und die Opfer wirksam zu schützen.
Im Video: Fall Fernandes - Härtere Strafen bei digitaler Gewalt?
Die Schauspielerin Collien Fernandes
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