Die schwedischen Schauspielerin und Sängerin Sofia Pekkari als Astrid Lindgren
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Szene aus "Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren"

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Die unbekannte Seite der Astrid Lindgren

Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga und Ronja Räubertochter haben Astrid Lindgren berühmt gemacht. Doch vor ihrer Karriere als Kinderbuchautorin – während des Zweiten Weltkriegs – schrieb die Schwedin Tagebuch. Davon erzählt nun eine Kino-Doku.

Über dieses Thema berichtet: Bayern 2 Die Welt am Morgen am .

Am 1. September 1939, am Tag des deutschen Überfalls auf Polen, begann Astrid Lindgren, ein Tagebuch zu führen. Über sechs Jahre schrieb sie daran, bis zum Jahreswechsel 1945/46. Die ersten Worte: "Oh! Heute hat der Krieg begonnen. Niemand wollte es glauben." Eine tiefe Erschütterung. Die eigene Literatur lag damals noch in weiter Ferne: Astrid Lindgren war Stenografin, im Juni 1940 nahm sie eine Stelle als Briefzensorin beim schwedischen Nachrichtendienst an, las Post, die über die Grenze ging oder aus dem Ausland kam – ein "Drecksjob", wie sie und ihre Freundinnen das nannten.

Ihr Tagebuch – ein Halt in dieser Zeit – sei oft radikal und sehr politisch, so der Filmregisseur Wilfried Hauke: "Es ist nicht nur ein Dialog einer Frau mit sich selbst, sondern da nimmt tatsächlich jemand den Dialog mit mir heute auf. Wenn ich an unsere Welt denke, die – die Kriege in Europa, die Weltwirtschaftslage, der Machtkampf der neuen Autoritären – das sind genau die Themen, die Astrid Lindgren damals als Mutter von zwei Kindern in Stockholm umtreibt. Und das vertraut sie ihrem Tagebuch an. Und das ist eigentlich ein Stück große Literatur."

Von der Stenografin zur Star-Autorin

Wilfried Hauke erzählt die Geschichte von Astrid Lindgrens Kriegstagebüchern auf unterschiedlichen Ebenen. Passagen aus den Tagebüchern sind gepaart mit dokumentarischen Aufnahmen aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs und fiktiven Szenen: Astrid Lindgren in den Jahren des Krieges, gespielt von der schwedischen Schauspielerin und Sängerin Sofia Pekkari. Der Tagebucheintrag vom 3. Oktober 1943 lautet: "In Dänemark haben die Deutschen jetzt mit der Judenverfolgung begonnen. Mehrere tausend sollen deportiert werden."

Zum Blick auf die Welt im Krieg und den damit verbundenen Sorgen kommen existentielle private Themen in diesen Jahren, eine Ehekrise. Aber auch Momente der Ruhe und des Innehaltens, etwa das Baden mit den beiden Kindern.

Kriegs- und Ehesorgen

Herzstück der Dokumentation sind Gespräche mit der Familie von Astrid Lindgren, mit der Tochter Karin, der Enkeltochter Annika Lindgren und dem Urenkel Johan Palmberg. "Es ist so herrlich, diesen Humor in dieser Familie zu spüren", erzählt Regisseur Wilfried Hauke. "Sicherlich ist es auch viel schwedische Lebenswelt und Mentalität, ein durchgängiges Understatement: Man trägt nicht groß auf, mit Stolz: Wir sind die tollen Nachfahren der großen Astrid Lindgren! Sondern sie sind Menschen, die auf dem Boden geblieben sind, ganz bei sich sind."

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Szene aus "Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren"

Lindgrens Weg zur Literatur

Mit den Kriegstagebüchern, so erzählt Annika Lindgren im Film, kann man die politische Seite ihrer Großmutter entdecken. Wilfried Hauke greift in seiner Auswahl der Einträge einiges von dem auf, was Astrid Lindgren später auch als Schriftstellerin beschäftigte – und Teil ihrer Haltung wurde: das große Mitgefühl für Kinder, die zu Opfern der Willkür von Erwachsenen wurden, ihr Eintreten für die Schwachen.

Ebenso zeigt der Film, wie sie zur Literatur fand: Ihre Tochter Karin, oft krank, forderte sie auf, Geschichten von einem Mädchen namens Pippi Langstrumpf zu erzählen. "Pippi Langstrumpf ist die Antithese zu Despotismus und Diktatur," sagt Wilfried Hauke. "Sie ist ein unkonventionelles Mädchen, das die falschen Autoritäten der Männer der Polizei und wem auch immer, nicht akzeptiert und ihren eigenen Weg geht. Ein Freigeist par excellence. Etwas später, 1943/44 etwa, als sie sich im Winter einen Knöchel verstaucht und drei Wochen lang im Bett bleiben muss, da beginnt sie, die Geschichte von Pippi aufzuschreiben."

Pippi Langstrumpf ist Lindgrens Antwort auf Diktatur

Der Rest, könnte man meinen, ist Geschichte. Ist es aber wieder auch nicht. Das Manuskript mit den ersten Geschichten von "Pippi Langstrumpf" wurde vom Bonnier-Verlag mit Dank und Ablehnung zurückgeschickt. Und trotzdem: Die Erfindung dieser fröhlichen Anarchistin, die auf der Freiheit für die Kinder, also für die Schutzlosen, beharrt, ist auch mit der Erfahrung des Krieges verbunden. Wilfried Haukes Film ist letztlich das Porträt einer großen Humanistin.

"Die Menschheit hat den Verstand verloren" von Wilfried Hauke läuft ab sofort im Kino.

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