Fotos, Briefe, Gästebücher, Kassetten, Videos, Zeitungsartikel: 500.000 DIN-A4-Seiten ergeben das Gedächtnis von 40 Jahren "Literaturhandlung" München – damit ist Rachel Salamanders Archiv eines der größten in der Monacensia, dem Literaturarchiv der Stadt München.
2022 hat die Literaturwissenschaftlerin und Publizistin diesen zeitgeschichtlichen Schatz der Stadt München geschenkt – keine Selbstverständlichkeit: Bedeutende Konvolute landen oft im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Doch für Rachel Salamander spielen Orte eine wichtige Rolle – und der Kern ihrer Arbeit war nun einmal die "Literaturhandlung" in der Münchner Maxvorstadt: "Als wir angefangen haben, war eine sprachlose Befangenheit Anfang der 80er in der Gesellschaft, und man spürte, dass jede Veranstaltung etwas ganz Besonderes hatte, mit einer Erleichterung und Aufbruchstimmung, dass man jetzt miteinander redet", sagt Rachel Salamander heute.
Die Literaturhandlung: Weitaus mehr als ein Bücherladen
Rachel Salamander wurde 1949 als Tochter polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in einem Displaced-Persons-Lager in Deggendorf geboren und wuchs in München auf. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Romanistik. Salamander war nicht nur in ihrer Literaturhandlung tätig, sondern auch als Publizistin. Zu ihren wichtigsten Büchern zählen "Die jüdische Welt von gestern" und "Ein Leben auf neu". Sie erhielt unter anderem den Bayerischen Verdienstorden und das Bundesverdienstkreuz.
Ihre Literaturhandlung war die erste Fachbuchhandlung für jüdische Literatur der Nachkriegszeit in der BRD. Doch hier wurden nicht nur Bücher verkauft: Es war ein Ort des Denkens und des Miteinander-Redens, der intellektuellen, politischen und emotionalen Auseinandersetzung mit Themen rund um jüdisches Leben in Deutschland.
Literatur als Gespräch
Mehr als 1.300 Veranstaltungen fanden in der Literaturhandlung statt, David Grossmann, Amos Oz, Marcel Reich-Ranicki, Schalom Ben-Chorin, Grete Weil: Alle kamen, lasen aus ihren Büchern, sprachen und diskutierten miteinander: "Wir haben in den 40 Jahren über all die Themen, die in der Literatur vorkommen, die in Debatten vorkommen, die Historiker behandelt haben, wir haben über all die Themen debattiert. Um die Literatur ist sozusagen immer das Gespräch gewesen und aus dem Gespräch sollte sich eigentlich Handlung entwickeln, dass wir Kriterien herausbilden, was für unser Leben wichtig ist, wie wir leben wollen, wie wir miteinander leben wollen", erzählt die heute 77-Jährige.
(Archivbild) Rachel Salamander und Jürgen Habermas, 2017
"Rote Sammlung" dokumentiert 40 Jahre jüdisches Leben und Debatten
Zentraler Teil des Archivs ist die sogenannte "Rote Sammlung": 40 laufende Meter knallroter Ordner, in denen Rachel Salamander Zeitungsartikel zu jüdischen Themen gesammelt hat: die Eröffnung der neuen Synagoge am Jakobsplatz, der Eklat um Martin Walsers Buch "Tod eines Kritikers", alles rund um das Denkmal der ermordeten Juden Europas in Berlin... Allein dieser Teil der Sammlung ist von unschätzbarem Wert, dokumentiert er doch, wie in den vergangenen 40 Jahren über jüdische Themen geredet und gestritten wurde.
Ein ganz besonderer Schatz sind auch die Tonband-Aufnahmen von rund 600 Lesungen und Diskussionsrunden in der Literaturhandlung, darunter Abende mit Hilde Domin, Marcel-Reich Ranicki oder Meir Shalev (externer Link).
Das Who ist Who der jüdischen Nachkriegsliteratur
Die Monacensia hat Rachel Salamanders Archiv aufgearbeitet und zugänglich gemacht. Teilweise ist es nun vor Ort einsehbar, andere Teile sind oder werden noch online abrufbar (externer Link).
Aus einigen der wichtigsten Dokumente, Fotos und Interviews ist darüber hinaus die Ausstellung "Literatur & Haltung" entstanden. Hier sind Fotos von Rachel Salamander mit Jürgen Habermas, Amos Oz oder Marcel Reich-Ranicki zu sehen, eine Zeichnung vom Maus-Comic-Erfinder Art Spiegelman im Gästebuch oder Interviews mit Zeitzeuginnen wie Grete Weil oder Ruth Klüger.
Dem Jüdischen wieder eine Präsenz geben
Dem Jüdischen in Deutschland wieder eine Präsenz geben: Das war und ist Rachel Salamanders Anliegen. Mit ihrer Literaturhandlung und nun auch mit ihrem öffentlichen Archiv ist ihr das eindrucksvoll gelungen.
Aber sie weiß auch, dass sich an vielen Themen rund um das Jüdische nicht viel geändert hat: "Wir leben heute in einer Zeit, wo durch Boykotte und Antisemitismus das Jüdische wieder verdrängt wird. Deswegen ist es umso wichtiger ins Archiv zu gehen und zu sehen, wie man miteinander doch reden konnte – auch wenn es keinen Konsens gab."
"Literatur & Haltung: Rachel Salamanders Archiv": Bis 31. März 2028 in der Monacensia in München.
(Archivbild) Literaturhandlung in der Fürstenstraße, 1988
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