Wie angewurzelt steht er da. Dabei sind die anderen Pinguine in großer Eile. Aber dieser Pinguin ist anders als die anderen. Er kehrt nicht zur Kolonie zurück, erklärt die Stimme des Filmregisseurs Werner Herzog im für ihn charakteristischen bairisch eingefärbtem Englisch. Auch das Meer, wo die anderen nach Nahrung suchen, lässt den Pinguin kalt. Stattdessen bricht er in die weit entfernten Berge auf.
Ein Pinguin geht viral
Diese Szene hat in den vergangenen Wochen das Internet erobert. Sie stammt aus dem 19 Jahre alten Herzog-Film "Begegnungen am Ende der Welt". Eine Oscar-nominierte Doku aus der Antarktis. Alle fragen sich: Warum entfernt sich dieser Pinguin von seinen Artgenossen? Was sucht er in der Eiswüste, wo nichts auf ihn wartet außer dem sicheren Tod? Selbst, wenn man den Pinguin einfangen und zurückbringen würde, erklärt der Pinguin-Forscher Dr. Ainley im Film, würde er sich erneut auf den Weg machen.
"But why?", fragt Regisseur Herzog im Film im Jahr 2007, und das Internet im Jahr 2026 spielt verrückt. Millionenfach wird der kurze Clip gerade geteilt. Selbst Werner Herzog zeigte sich darüber auf seinem Instagram-Account erfreut und überrascht.
Warum der Pinguin Ausdruck des Zeitgeists ist
Für viele ist der Pinguin heute Ausdruck des Zeitgeists in der krisengeplagten Welt. Der Sehnsucht, dass die Dinge anders laufen könnten. Das Faszinierende: "Dass er einfach von der Masse weggeht und sein eigenes Ding macht", sagt Timo Gastager, Schauspieler und großer Herzog-Fan. Im Netz ist der Münchner mit Werner-Herzog-Parodien sehr erfolgreich – auch weil sich um den Regisseur im Internet eine Art Kult gebildet hat. "Ich glaube, da ist diese Faszination, dass er einfach macht, dass er Leidenschaft hat für seine Filme und seine Kunst", erklärt Timo Gastager.
Besonders im Gedächtnis sei ihm dabei eine Szene geblieben, die Herzog auch in seiner Biografie beschreibt. Das Filmteam will auf einer Promenade Feuerwerkskörper zünden, doch Crew und Beamte haben Bedenken. Herzog resümiert: "Ich tat es dennoch – und wir wurden verhaftet."
Herzog als Symbol für Entschleunigung
Werner Herzog avanciert gerade also zum Lieblings-Opa der Generation Z. Herzog-Instagram-Double Timo Gastager nennt einen weiteren Grund: "Ich denke, dass vor allem in der heutigen Zeit Entschleunigung und Ruhe einkehren sollte." Dafür eignet sich Herzogs institutionalisierte Langsamkeit.
Gleichzeitig biete die Tiefgründigkeit der Herzog-Filme einen bewussten Kontrapunkt zur schnelllebigen Social-Media-Welt. Bei Herzog werde man gezwungen, sich voll auf eine Sache einzulassen. "Wenn ich Netflix gucke, ist es oft so geschrieben, als würde man die Zuschauer für dumm verkaufen, so als ob sie nebenbei etwas anderes machen können", sagt Timo Gastager. Bei Werner Herzogs Filmen gehe das nicht.
Auch Trump ist Pinguin-Fan
Und der Pinguin setzt seinen Siegeszug fort, taucht diese Woche nicht mehr nur in viralen Clips, sondern auch in Werbespots auf. Da sei eine Lidl-Filiale in den Bergen der Antarktis oder eine überdimensionierte Packung Elotrans, heißt es in Clips. Selbst das Weiße Haus postet ein Foto von US-Präsident Donald Trump, der sich gemeinsam mit dem Pinguin auf den Weg nach Grönland macht. Dass es Pinguine auf der Nordhalbkugel nicht gibt? Geschenkt, Mr. President!
Worum es Herzog eigentlich ging
Dabei ging es Werner Herzog selbst um etwas anderes. Um eine Ent-Disneyisierung von Natur. Für Herzog sei Natur nämlich monumentale Gleichgültigkeit. Warum zum Beispiel versklaven Schimpansen keine Ziegen, Ameisen aber Blattläuse, fragt er in "Begegnungen am Ende der Welt". Aber Herzogs Film ist auch Plädoyer gegen die Unterwerfung der Natur durch den Menschen – und ein Aufruf, dass es okay ist, aus der Reihe zu tanzen, selbst wenn es dafür gar keinen sinnvollen Grund gibt.
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