Lindsey Vonn
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Nach Vonns Horror-Sturz: Ist alte Technik das Problem?

Der schwere Unfall von Lindsey Vonn wirft die Frage auf: Warum löste sich die Bindung nicht? DSV-Technikdirektor Karlheinz Waibel spricht von einem physikalischen Dilemma und stellt die bisherige Bindungstechnologie grundsätzlich infrage.

Über dieses Thema berichtet: BR24Sport am .

Der Sturz von Lindsey Vonn bei Olympia hat eine bisher ungelöste Debatte auf die Tagesordnung gebracht: Warum löste sich die Bindung zwischen Schuh und Ski nicht, die die dramatischen Folgen hätte verhindern können? Vonn erlitt eine komplexe Verletzung. "Alles war in Stücken", berichtete sie. Die US-Amerikanerin sprach von der "extremsten, schmerzhaftesten, herausforderndsten Verletzung" ihrer Karriere.

Warum öffnete sich die Bindung nicht?

Für Karlheinz Waibel, DSV-Technikdirektor, lässt sich das Problem mit Physik erklären: "Offensichtlich hat das Drehmoment, das ausgelöst wurde, nicht ausgereicht, um die Bindung zu öffnen. Aber es hat ausgereicht, um diese schwere Verletzung zu verursachen."

Eine Skibindung reagiert mechanisch. Vorne öffnet sie sich seitlich, hinten löst der Fersenautomat nach oben aus. "Wenn der Ski sich rechtzeitig vom Fuß gelöst hätte, wäre die Wahrscheinlichkeit zumindest deutlich geringer gewesen, dass sie sich so schwer verletzt", sagte Waibel über den Vonn-Sturz.

Für den DSV-Technikdirektor ist klar: "Mit den Bindungen, die wir momentan verbauen, ist es natürlich schwierig für einen Skitechniker, die Bindung so leicht einzustellen, dass sie bei einem Sturz wie dem von Vonn frühzeitig auslöst, aber in einer anderen Situation, wo die Bindung den Schuh halten soll, eben nicht auslöst. Das ist das Dilemma, in dem man steckt."

Dilemma Bindungseinstellung

Rennläuferinnen und Rennläufer fahren mit hohem Tempo auf hart präparierten Pisten. Entsprechend hart sind die Bindungen eingestellt. Würde sich die Bindung bei voller Fahrt ohne Sturz lösen, könnte das ebenfalls schwere Folgen haben.

"Mit der Bindungstechnologie, die wir einsetzen, ist das Dilemma nur schwer lösbar", erklärt Waibel. Die aktuelle Bindungstechnologie wurde in einer Zeit entwickelt, in der Unterschenkelbrüche wie bei Lindsey Vonn das dominierende Verletzungsmuster waren. "Den vielen Bandverletzungen, die man jetzt in erster Linie hat, trägt es keine Rechnung", so Waibel.

Gibt es bald intelligente Bindungssysteme?

Eine Bindung "weiß" nicht, ob ein Athlet stürzt, sie reagiert ausschließlich auf Kraftwerte. Bisher werden noch keine Sensoren eingesetzt, die Sturzbewegungen erkennen und die Bindung aktiv auslösen könnten, bevor extreme Kräfte entstehen. "Wir haben auch vor Jahren schon mal mit unseren Athleten über so ein Szenario diskutiert", erläutert Waibel. "Die Athleten waren skeptisch: Kann es da Fehlauslösungen geben?"

Bei der Weltcup-Abfahrt in Bormio 2024 hat sich zum Beispiel der Airbag von Marco Odermatt geöffnet, obwohl der Schweizer gar nicht gestürzt war. Für den DSV-Technikdirektor ist klar: "Wenn sich in dem Fall beide Ski vom Fuß gelöst hätten, weiß ich nicht, ob Marco Odermatt im Nachgang so unaufgeregt mit der Situation umgegangen wäre."

Waibel betont, neue Technologien am Material könne man nur gemeinsam mit den Sportlern voranbringen. "Man muss die Athleten mitdenken und sie extrem früh in eine Entwicklung mit einbeziehen."

Trotz Bedenken ist für Karlheinz Waibel klar: "Der schwere Unfall von Lindsey zeigt, dass man auf jeden Fall in diese Richtung denken muss." Denn Fakt ist: Wenn es gelingt, den Ski im richtigen Moment vom Fuß zu trennen, sinkt das Risiko schwerer Verletzungen erheblich.

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