Patzer, Einfädler, Nervenflattern: Unter Olympia-Druck kippt positiver Stress schnell in lähmende Angst. Ein Blick in die Sportpsychologie zeigt, wie Emotionen Automatismen zerstören – und welche mentalen Strategien Medaillen trotzdem möglich machen.
Sportdramen bei Olympia: Dürr, Preuß, Malinin, McGrath
Lena Dürr fädelte als Halbzeit-Zweite im allerersten Tor ein, Franziska Preuß zeigte am Schießstand wieder und wieder Nerven, Eiskunstlauf-Star Ilia Malinin war wegen schwerer Patzer in der Kür auf den achten Rang abgerutscht, Atle Lie McGrath fädelte als Führender nach dem ersten Durchgang ein und flüchtete in den Wald. Bei den Olympischen Spielen mangelte es nicht an Sportdramen. Nach Abstürzen zwischenzeitlich Führender hieß es meist, der- oder diejenige habe "Nerven gezeigt", habe dem Druck nicht standgehalten. Doch was genau macht Druck mit Athleten? Wie lernen sie damit umzugehen?
Annelen Collatz ist Sportpsychologin, sie arbeitet unter anderem mit Ruder-Olympiasieger Oliver Zeidler. Collatz erklärt im Interview mit BR24Sport: "Emotionen beeinflussen das Reaktionsvermögen. Ganz viel läuft im Sport darüber, dass man etwas automatisiert macht."
Kapitalpatzer im olympischen Riesenslalom
So wie Dürr, die schon Hunderttausende Slalom-Schwünge aneinandergereiht hat, und prompt auf der olympischen Bühne beim allerersten Tor einfädelt. Ausgerechnet Dürr, die zu den im Weltcup konstantesten Skirennfahrerinnen zählt, nur selten Fehler baut, aber schon im olympischen Riesenslalom kurz vor dem Ziel einen Kapitalpatzer hinlegte. DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier stellte fest, "dass es, wenn es spitz auf Knopf kam, der ein oder andere Athlet Nerven zeigte und das nicht abrufen konnte, was er kann."
Sportpsychologin Collatz erklärt: "Wenn Emotionen dazukommen, dann wird der Automatismus unterbrochen, weil das Gehirn anfängt, zu denken und den natürlichen Ablauf durcheinanderbringt." Doch Druck muss nicht zwingend negativ sein. Es gibt Eustress und Distress. Collatz erklärt: "Der Eustress ist positiver Stress. Wenn das kippt und durch Angst und Druck zum Distress wird, dann hemmt das die Leistung."
Veränderte Anforderungen an Olympia-Athleten
Über die vergangenen Jahrzehnte haben sich die Anforderungen an Athleten verändert. Der Faktor "Mentale Stärke" wird dabei zunehmend relevanter. Nicht alle Athleten sind darauf eingestellt. Auch DSV-Alpindirektor Maier sagte: "Ich hab von dem ein oder anderen Athleten gehört, er ist nicht vorbereitet auf so ein Thema, teilweise von der mentalen Seite."
Sportpsychologin Collatz bereitet Athleten auf Olympia vor. Auch der Medientrubel ist Thema. "Wenn Sportler eine Niederlage erleben und direkt drüber reden müssen: Der eine kann das, der andere kann das nicht." Der norwegische Skirennfahrer McGrath etwa suchte nach seinem Einfädler das Weite, stapfte in den Wald und gab erst später Interviews. Dürr hingegen stellte sich den Fragen der Journalisten schon kurz nachdem sie dasselbe Schicksal ereilte.
"Frühzeitig aufräumen, in stabilen Phasen ist das leichter"
Collatz rät "frühzeitig aufzuräumen. Denn in stabilen Phasen ist das viel leichter." Während der Wettkämpfe hingegen gehe es nur mehr um "Krisenintervention".
Ein Beispiel für Krisenintervention ist Mikaela Shiffrin. Weil sie in ihrem Slalom-Lauf bei der Team Kombi weit hinter den Erwartungen zurückblieb und sich der Olympia-Fluch von Peking zu wiederholen drohte, ließ sie ihre Sportpsychologin nach Norditalien einfliegen. Ein Luxus, den sich deutsche Sportler oft nicht leisten können. "Der deutsche Sport hat kein Geld, um Sportpsychologen zu Spielen mitzunehmen", erzählt Collatz. Dabei können Sportpsychologen den Unterschied machen. Mikaela Shiffrin holte wenige Tage nach dem Team-Kombi-Malheur Gold im Spezialslalom.
Individuelle Techniken: Selbstgespräche und Nickerchen
Wie Athleten mit Druck umgehen, ist individuell: Skicross-Goldmedaillengewinnerin Daniela Maier führt am Start Selbstgespräche, Shiffrin legt nach dem ersten Durchgang ein Nickerchen ein, Marco Odermatt lächelt, wenn er im Starthaus steht. "Es gibt keine Lösung, die für alle funktioniert", sagt Collatz.
Bei Olympia wurden Sportfans Zeugen davon, wie unterschiedlich der Umgang mit Druck ist. "Es gibt Athleten, die sagen: Wettkampf ist das Beste, was mir passieren kann", so Collatz. Ein Beispiel ist Philipp Raimund, der noch nie einen Weltcup gewinnen konnte, und sich Gold holte. Oder die US-Skirennläuferin Breezy Johnson, die nach Gold bei der WM-Abfahrt im vergangenen Jahr nun auch Olympia-Gold holte, ohne jemals im Weltcup gewonnen zu haben. Manche Menschen brauchen Druck, um performen zu können. Andere müssen einen Weg finden, um an ihm nicht zu zerbrechen.
Video: So wirkt sich Druck auf Sportler aus?
Franziska Preuß
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