Am Ende der Olympischen Winterspiele 2026 stehen zwei Medaillen für die deutschen Skirennfahrerinnen: Silber für Emma Aicher in der Abfahrt und Silber in der Teamkombination durch Aicher/Kira Weidle-Winkelmann. Eine Ausbeute, die DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier im exklusiven BR24Sport-Interview zu klaren Worten zwingt: "Wir sind sicher nicht zufrieden mit dem Ergebnis."
Medaillenbilanz negativ, Leistung dahinter oft besser
Die Bilanz dürfte die aktuelle Lage aber auch düsterer abbilden, als sie eigentlich ist. Denn die vielen Male, bei denen DSV-Sportler knapp an der Medaille vorbeischrammten, werden in den Tabellen nicht berücksichtigt. Souveräne Ergebnisse, für die Athleten im Weltcup viele Punkte bekommen würden und die als ein Herantasten an die Spitze interpretiert werden würden, sind bei den Spielen kaum was wert.
Lena Dürrs neunter Platz im Riesenslalom – 19 Hundertstelsekunden fehlten auf die Medaille, ihr Einfädler beim ersten Tor im zweiten Durchgang des Slaloms –: Beide Male hatte Dürr eine Hand schon auf der Medaille, die andere lag spätestens im Ziel dann auf dem schüttelnden Kopf. Im Weltcup wären die Ausgänge der beiden Rennen zwar auch bitter gewesen, aber die Tatsache, dass Dürr sich in ihrer zweiten Disziplin mittlerweile so weit nach vorne gearbeitet hat, die Tatsache, dass sie sich nach schwierigen Monaten und Leistungsschwankungen so zurückkämpfte, hätte auf lange Sicht vielleicht sogar überwogen. Bei Olympia geht das unter, da zählen nur Gold, Silber und Bronze.
Baustelle: Mentale Stärke?
Eine Lehre lässt sich aus diesen Rennen trotzdem ziehen: "Wir haben gesehen: Wenn es spitz auf Knopf gekommen ist, hat der ein oder andere Athlet Nerven gezeigt und konnte das nicht abrufen, was er eigentlich kann", sagt Maier. "Ich habe schon auch von dem ein oder anderen Athleten gehört, er ist nicht vorbereitet auf ein solches Thema, teilweise von der mentalen Seite." Doch Baustellen wie diese gelte es "in Ruhe aufzuarbeiten und nicht in der Hektik".
Maier kündigt an, man werde sich den Leistungen "ohne Ausreden stellen" und Verantwortung übernehmen. Der DSV wolle die Spiele aufarbeiten - "und zwar in einer konstruktiven Form, nicht in einer Form, wo wir sagen, wir müssen Leute rausschmeißen." Um die Leistung zu analysieren, müsse man mehrere Aspekte und Faktoren unter die Lupe nehmen: "Ist es eine mentale Schwäche, dass unsere Topstars nur Vierter oder Fünfter geworden sind?", fragt sich Maier: "Haben wir in der Technologie keinen Schritt vorwärts gemacht – und andere Nationen haben uns überholt?" Erst nachdem Antworten auf diese Fragen gefunden wurden, könne man Schritte und Maßnahmen einleiten.
Internationale Konkurrenz wird stärker
An einem Punkt braucht es dabei keine Analyse: "Es gibt eine absolute Verdichtung in dem Leistungssport. Andere Nationen sind einfach deutlich stärker geworden", erklärt Maier. Der Skirennsport wird internationaler: Vor allem in den technischen Disziplinen drängen kleinere Nationen vor, Nationen, die in der Vergangenheit keinen Starter in Weltcup-Rennen hatten, fahren mittlerweile regelmäßig in die Top Ten, manchmal sogar aufs Stockerl: Belgien, Finnland, Großbritannien im Slalom. Die großen Skinationen - aktuell vor allem die Schweiz und Norwegen - bringen wie am Fließband Talente hervor und verstärken sich in der Breite. Hinter den großen Odermatts und Kristoffersens folgen die Youngsters, die sich im Weltcup risikofreudig, technisch stark und hungrig zeigen.
DSV-Techniker tasten sich heran
In Deutschland hingegen bleibt die Baustelle Speed-Team der Männer. Simon Jocher war der einzige deutsche Starter. In der Abfahrt landete er auf Platz 21, im Super-G auf dem 17. Rang. Luis Vogt durfte trotz eines sensationellen zehnten Platzes in Kitzbühel nicht mit nach Italien. Im Riesenslalom tasten sich die jungen Wilden, Fabian Gratz (Fünfter in Alta Badia) und Anton Grammel (Zehnter in Schladming) Schwung für Schwung an die Weltelite heran. Im Olympia-Rennen hingegen fiel Gratz aus, Grammel wurde 15.
Alexander Schmid, der sich wenige Wochen vor den Spielen am Knöchel verletzt hatte, landete als bester Deutscher auf Platz 13. Die Überraschung blieb aus. Linus Straßer und Emma Aicher, ihrer Zeichen Medaillenkandidaten im Slalom, landeten beide auf Platz neun und in der Disziplin damit hinter den Erwartungen.
Und so blieb es bis zum letzten Rennen bei zwei deutschen Medaillen. Der DSV gelobt Aufarbeitung, Pause gibt es derweil keine. Am Wochenende steht für die Speed-Männer der Heim-Weltcup in Garmisch-Partenkirchen auf dem Programm – die Abfahrt am Samstag, der Super-G am Sonntag. Für die Speed-Frauen geht es schon am Freitag im andorranischen Soldeu weiter. Wie Oliver Kahn einst sagte: "Weiter, immer weiter."
Im Video: ARD-Experte Felix Neureuther zieht Bilanz zu den Olympischen Spielen 2026 in Mailand und Cortina
Felix Neureuther, ARD-Experte
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