In Krisenzeiten investieren viele Anlegerinnen und Anleger in Gold. Das Edelmetall gilt vielen als Krisenschutz, wenn die Börsen nervös werden. Jetzt wäre eigentlich die richtige Zeit. Der Krieg im Nahen Osten und die Sorge vor steigenden Rohstoffpreisen treiben die Aktienkurse nach unten. Da wirkt es auf den ersten Blick widersprüchlich, dass der Goldpreis ausgerechnet jetzt schwächelt und auf dem niedrigsten Stand seit Mitte Dezember notiert. Im Börsendeutsch der Schweizer Großbank UBS klingt das so: "Die erhoffte Safe-Haven-Wirkung beim Gold bleibt derzeit aus."
Warum Gold gerade jetzt an Wert verliert
Der wichtigste Grund dafür hat mit der Angst vor der nächsten Krise zu tun: der Inflation. Wenn ein Krieg die Energiepreise nach oben treibt, wächst zugleich die Sorge, dass auch andere Preise wieder stärker steigen. Dann schauen die Märkte sofort auf die Notenbanken. Können die Zinsen wirklich sinken? Oder müssen sie womöglich länger hoch bleiben? Genau das ist für Gold ein Problem. Denn Gold wirft keine laufenden Erträge ab. Wenn Zinsen hoch bleiben oder sogar steigen könnten, verliert das Edelmetall im Vergleich an Reiz.
Gold als schnelle Geldquelle
Hinzu kommt ein zweiter Effekt, der zunächst unlogisch klingt: Gerade in unruhigen Börsenphasen wird Gold oft nicht nur gekauft, sondern auch verkauft. Nicht, weil es plötzlich uninteressant wäre, sondern weil es sich schnell zu Geld machen lässt. Wer an anderer Stelle Verluste ausgleichen muss oder Liquidität braucht, verkauft oft zuerst das, was rasch handelbar ist. Gold kann dann zur schnellen Geldquelle werden. Auch deshalb gerät der Preis in Stressphasen mitunter genau dann unter Druck, wenn viele eigentlich das Gegenteil erwarten.
Bären-Jahre wirken auch auf den Goldpreis
Der Blick in die Vergangenheit zeigt: So ungewöhnlich ist das gar nicht. Christian W. Röhl, Chief Economist des Neobrokers Scalable Capital, nennt die aktuelle Entwicklung "vielleicht enttäuschend, aber nicht überraschend". Seine Auswertung der vergangenen 50 Jahre zeigt: In den zehn großen Aktien-Bärenmärkten dieser Zeit hat Gold nur in zwei langen Abwärtsphasen unterm Strich zugelegt. In den anderen, kürzeren und steileren Rückgängen fiel auch Gold. Allerdings meist weniger stark als die Aktienmärkte.
Der aktuelle Rückgang ist daher kein zwingender Beleg dafür, dass Gold seinen Status als sicherer Hafen verloren hat. Er zeigt eher, dass auch Gold auf Zinsen und Inflation reagiert, aber nicht zwingend auf Dauer. Entscheidend ist daher, ob der Konflikt im Nahen Osten nur ein Schockmoment bleibt oder zu einer längeren Belastung für Wirtschaft und Finanzmärkte wird. Wenn sich die wirtschaftlichen Folgen des Konflikts zwischen Iran, Israel und den USA verfestigen, könnte Gold wieder profitieren.
Wie schnell sich das Bild drehen kann, zeigte sich am Montagnachmittag: Nachdem US-Präsident Donald Trump angekündigt hatte, mögliche Angriffe auf iranische Energieanlagen zunächst für fünf Tage auszusetzen, reagierten die Märkte sofort. Der Ölpreis gab nach, die Börsen atmeten auf – und auch Gold konnte seinen Tagesverlust minimieren. Das zeigt, wie nervös die Lage derzeit ist: Schon eine einzelne Meldung aus dem Weißen Haus kann die Erwartungen an Krieg, Ölpreis und Inflation binnen kurzer Zeit verschieben. Für den Goldpreis heißt das: Er folgt im Moment keinem einfachen Krisenmuster, sondern reagiert äußerst empfindlich auf jede Nachricht, die die Lage verschärft oder kurzfristig entspannt.
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