Politische Unsicherheiten, Klimakrise, finanzielle Sorgen – vielen jungen Menschen macht die Weltlage zu schaffen. Auch die Corona-Pandemie hat Spuren hinterlassen. Aber auch Studium und der Einstieg ins Berufsleben fordern ihren Tribut. Warum ist gerade die junge Generation so belastet und was können Firmen und Gesellschaft dagegen tun?
Corona-Krise, Klimawandel, Kriege – Gefühlte Überforderung
Für Felix bedeutete Studieren zu Beginn der Corona-Krise vor allem eines: Einsamkeit. Er hatte sich an der Hochschule München für ein Technikstudium eingeschrieben. Doch anstatt Gleichgesinnte kennenzulernen, fühlte er sich damals ganz auf sich selbst gestellt. "Eigenständig wohnen, in WGs wohnen, das war alles komplett neu für mich und ja, irgendwie vielleicht auch der Umgang mit Menschen. Ich war da schon überfordert."
Dazu kamen familiäre Belastungen. Die Eltern hatten sich getrennt. Felix plagten Existenzängste. Er fühlte sich antriebslos. "Ich hab dann schon auch teilweise versucht zu lernen, aber einfach gemerkt, dass mein Kopf voll war, also es einfach wirklich gar nicht ging und ich mich auch auf nichts konzentrieren konnte", beschreibt Felix die damalige Situation. Es dauerte lange, bis er die Kraft fand, sich Hilfe zu suchen. Rückblickend ein ganz entscheidender Schritt. Dank Therapie hat er seine Erkrankung in den Griff bekommen und schreibt gerade seine Bachelor-Arbeit.
Beratungsstelle: Es fehlt Gefühl von Zukunftsorientierung
In die Psychotherapeutische Beratungsstelle des Studierendenwerks München kommen immer mehr Menschen mit ähnlichen Symptomen. Das Lösen vom Elternhaus, Identitätsfindung – aus Sicht von Leiterin Julia Semineth kommen viele Faktoren zusammen. Während sie und ihr Team früher rund die Hälfte der Studierenden an Psychotherapeuten weiterverwiesen haben, waren es in der ersten Jahreshälfte 2025 mehr als zwei Drittel. "Man muss sich vorstellen, dass die jungen Erwachsenen ja in den letzten Jahren von einer Krise in die nächste gestolpert sind", gibt Semineth zu Bedenken. "Da konnte sich nie so ein wirklich tiefes Gefühl von Zukunftsorientierung einstellen." So entstehe viel Unsicherheit und Druck.
Auch Unternehmen bemerken Veränderungen bei jungen Menschen: Die Firma Apollo-Optik mit Sitz im mittelfränkischen Schwabach bildet deutschlandweit über 500 junge Menschen aus. Ausbildungsbeauftragte Marjana Fiedler bemerkt inzwischen bei Azubis eine gewisse Unsicherheit, aber auch Offenheit: "Sie sprechen offener über ihre psychische Gesundheit", erklärt Fiedler. Das bringe auch viel Verantwortung mit sich.
Was besagt die Statistik?
Vergleicht man die Zahl der Krankmeldungen bayerischer AOK-Versicherter in den vergangenen zehn Jahren, so fällt auf, dass psychische Erkrankungen bei allen Altersgruppen zugenommen haben. Bei den unter 30-Jährigen allerdings deutlich stärker. Was sagt das aus?
"Zum einen könnte es sein, dass die jüngere Generation eher bereit ist, im Fall psychischer Probleme professionelle Hilfe zu suchen. Es kann aber auch sein, dass an sich die Häufigkeit psychischer Erkrankungen zugenommen hat", erläutert Professor Joachim Winter, Gesundheitsökonom an der LMU München.
Die direkten Kosten, die durch psychische Erkrankungen entstehen, lagen 2023 bei über 63 Milliarden Euro. Damit liegen sie auf Platz zwei nach Krankheiten des Herz-Kreislaufsystems. Die Kosten für Arbeitgeber sind dabei noch gar nicht berücksichtigt.
Was bedeuten die psychischen Belastungen für Unternehmen?
"Aufgrund des Entgeltfortzahlungsgesetzes müssen sie in den ersten sechs Wochen den Lohn vollständig weiterzahlen und gleichzeitig wird nichts produziert. Da kommt einiges zusammen, das summiert sich so auf ungefähr ein Prozent des Bruttonationaleinkommens", erklärt Winter.
Immer mehr Firmen beginnen deshalb, Präventionsangebote bereits für Azubis zu etablieren. Bei Apollo-Optik werden die Auszubildenden vom ersten Tag an begleitet. In verschiedenen Modulen geht es etwa um Stressabbau oder den Umgang mit Prüfungsängsten.
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