Wenn es um Forschung fürs Militär geht, hat die deutsche Hochschullandschaft lange auf eine strikte Trennung gesetzt: Zwischen ziviler und militärischer Nutzung. Wenn eine Technik sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden kann – also doppelten Verwendungszweck hat, spricht man von Dual Use.
Dual-Use-Projekte wurden oft vermieden – mit deutlichen Folgen für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit, erklärt Prof. Thomas Hofmann, Präsident der TU München, im Gespräch mit BR24. Als einer der einflussreichsten Universitätschefs des Landes sagt er klar, daran muss sich seiner Ansicht nach etwas ändern.
Dual Use: Chancen verschenkt?
Laut Hofmann müssten Sicherheit, Verteidigung und Innovation stärker zusammengedacht werden. "Wir haben in Deutschland oft oberlehrerhaft gesagt: Ja, Universitäten sollen ausschließlich zivilen Zwecken folgen. Und die Ablehnung von Dual Use, was ja fast ein Schimpfwort an Universitäten war, verhindert die Überführung in militärische, defensive Bereiche."
Mit dem Verweis auf die USA stellt Hofmann fest: Forschung, die für zivile Zwecke geplant war, findet dort deutlich schneller Anwendungen im Bereich des Militärs und auch umgekehrt. Zahlreiche militärische Investitionen in der Robotik hätten in den USA Anwendungen im zivilen Bereich gefunden. Wenn man diese Querbefruchtung der Anwendungen nicht nutze, vergebe man Chancen, so Hofmann.
"Wissenschaft und Wirtschaft müssen stärker zusammenwachsen"
Damit aus innovativer Forschung marktreife Produkte werden, die auch eine bessere Ausrüstung für die Bundeswehr bedeuten, müssten Hochschulen und Unternehmen enger zusammenarbeiten. Es dürfe nicht sein, dass gute Ideen in Abschlussarbeiten steckenbleiben. "Wissenschaft und Wirtschaft müssen stärker zusammenwachsen. Wir sollten den Erfindergeist und den unternehmerischen Willen unserer Studierenden fördern. Es geht darum, das Leistungsprofil der Universitätslandschaft in Deutschland zu stärken und an die Realität zu knüpfen", so der Appell von Professor Hofmann.
Ein besonders effektives Mittel sei die gezielte Förderung von Startups und das Vernetzen mit etablierten Firmen. Derzeit werden mehr als einhundert Gründungsteams aus dem Bereich Verteidigung von den TUM Venture Labs begleitet.
"Schieflage": Wissenslücken im Beschaffungswesen schließen
Das Problem ist allerdings: wer nicht genügend Expertise hat, und die Marktpreise nicht kennt, zahlt am Ende zu viel. Dieses Dilemma greife derzeit insbesondere im Verteidigungsbereich, meint Prof. Rafaela Kraus von der Universität der Bundeswehr.
Kompetenz in der Beschaffung bedeute, Steuergelder effizienter einzusetzen. Dabei habe Deutschland großen Nachholbedarf: "Wir haben in Deutschland sehr wenige Experten für Militärökonomie. Wir haben auch sehr wenige Universitäten und Forschungseinrichtungen, die sich mit dem Thema befassen." Für Kraus bedeutet das vor allem, dass es ein Wissensdefizit gibt, wenn es darum geht, eine nicht-interessengeleitete Beratung zu liefern.
Die Universitäten sollten deshalb darüber hinaus mehr Expertise im Bereich Militärökonomie aufbauen: "Aus meiner Sicht ist es eine Schieflage, wenn wir hundert Tourismusstudiengänge haben, hundert Pflegemanagement- oder Healthcare-Studiengänge und praktisch keine Studiengänge, die sich mit diesem wichtigen Bereich der Verteidigungswirtschaft befassen."
Wenn Deutschland bei Verteidigung und Sicherheit souverän handeln und gleichzeitig Steuergelder effizient einsetzen will, brauche es daher deutlich mehr unabhängiges Wissen – aus Universitäten, die diesen blinden Fleck ernster nehmen sollten, so Kraus.
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