"Still sitzen ist nicht Meins", sagt Anastasiia Mospan. Die junge Ukrainerin mit den dunklen langen Haaren steht an einem Krankenbett und übt an einer medizinischen Pflegepuppe das Blutdruckmessen. Sie absolviert im ersten Lehrjahr eine Ausbildung zur Pflegefachfrau bei der Schwesternschaft vom Bayerischen Roten Kreuz in München. "Ich sehe meine Zukunft hier in Deutschland", erklärt die 20-Jährige, "weil niemand weiß, wie lange der Krieg in der Ukraine noch dauert".
Nur wenige Tage nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf ihre Heimat ist sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester aus der Kleinstadt Kremenchuk nach München geflohen. Die ersten Monate habe sie rund um die Uhr die Nachrichten über den Kriegsverlauf verfolgt. Mittlerweile schaue sie nur noch ab und zu darauf, sagt die Pflegeschülerin, sie brauche auch Ruhe zum Lernen.
Gleich nach der Ankunft: Deutsch lernen von Anfang an
Anastasiia spricht hervorragend Deutsch. Gleich nach ihrer Ankunft in Deutschland hat sie sich auf das Sprachenlernen konzentriert, mit viel Disziplin. Das hat sie auch ihrer Mutter zu verdanken, die ihre zwei Töchter von Anfang an dazu angehalten hat. Mittlerweile hat sie sogar das europaweit anerkannte Sprachzertifikat B2 erworben, die Voraussetzung für die Pflegeausbildung oder ein Studium.
Ukrainisches Abitur: In Deutschland nicht anerkannt
Der Krieg in ihrer Heimat brach kurz vor ihren Abiturprüfungen aus. Von Bayern aus konnte sie ihren Abschluss dann noch online ablegen. Aber das ukrainische Abitur wird in Deutschland nicht anerkannt: Während man hierzulande dafür 13 Jahre zur Schule geht, sind es in der Ukraine elf Jahre.
Deswegen hat Anastasiia zunächst ein Fernstudium im Fach Medizin an der Uni Charkiw begonnen. "Weil der Krieg aber so lange dauert, habe ich mich nun für eine Ausbildung in Deutschland entschieden", sagt die junge Frau. Die Ausbildung macht ihr sehr viel Spaß, sie lebt im Wohnheim, das an die Berufsfachschule für Pflege angeschlossen ist. Dort hat sie auch schon Freundinnen gefunden.
Junge Ukrainer sind auf dem Arbeitsmarkt willkommen
Die stellvertretende Schulleiterin Elke Rapp weiß, welche großen Hürden geflüchtete Menschen überwinden müssen, um in Deutschland eine Berufsausbildung zu beginnen. "Wir brauchen diese motivierten Menschen, um unsere Bevölkerung zu versorgen", so Rapp. Insgesamt haben 60 Prozent ihrer Pflegefachschüler einen Migrationshintergrund. Deswegen bekommen diese noch ergänzend Sprachunterricht.
In Bayern leben rund 192.000 Geflüchtete aus der Ukraine – immer mehr davon mit Arbeitsplatz. Laut Bundesagentur für Arbeit gibt es aktuell 51.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Bayern, die aus der Ukraine geflüchtet sind. Davon ist etwa jeder Zehnte unter 25 Jahre alt. (Stand Juli 2025 ).
Ein halbes Herz schlägt für Bayern - ein halbes Herz für die Ukraine
Ähnlich wie Anastasiia Mospan ist Vitalina Dolhopolova als Schülerin gleich nach Kriegsbeginn aus Saporischschja geflohen. Mittlerweile hat sie das Abitur in deutscher Sprache am Studienkolleg abgelegt und studiert Informatik an der LMU München. "Ich bin sehr dankbar für die vielen tollen Menschen, die mir geholfen haben, soweit zu kommen", sagt die 20-jährige Ukrainerin. Vor allem eine Lehrerin steht ihr zur Seite, half ihr sogar bei der Wohnungssuche in München. Dafür sei sie sehr dankbar. Sobald Frieden in ihrer Heimat herrscht, möchte sie am Wiederaufbau der Ukraine mithelfen – mit ihrem technischen Wissen.
Beide jungen Frauen konzentrieren sich jetzt auf ihre berufliche Zukunft in Deutschland. Nach vier Jahren Krieg in der Ukraine ist das für sie die einzige Möglichkeit, ihre Zukunft zu gestalten. Ihre Heimat vergessen sie trotzdem nicht: "Mein Herz ist zur Hälfte in der Ukraine, bei meinen Großeltern – und zur anderen Hälfte hier in Bayern", sagt Anastasiia Mospan.
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