BR-Story "Ohne Kommunen geht nichts"
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Katastrophenschutz bis Kultur: Warum ohne Kommunen nichts geht

Leere Kassen, wachsende Aufgaben, rauerer Ton: Kurz vor der Kommunalwahl kämpfen Bayerns Städte und Gemeinden um ihre Handlungsfähigkeit. Vier Beispiele aus Rosenheim, Erlangen, Kempten und Thanstein in der Oberpfalz zeigen, was auf dem Spiel steht.

Über dieses Thema berichtet: BR Story am .

Bayerns Kommunen stehen unter Druck wie lange nicht. Gewerbesteuereinnahmen brechen ein, Sozialausgaben steigen. Landratsämter und Rathäuser haben kaum noch finanziellen Spielraum. Und doch entscheidet sich hier vor Ort, ob Jugendarbeit funktioniert, Kultur lebendig bleibt, Krisen bewältigt werden können – und ob sich noch jemand findet, der Verantwortung übernimmt.

Kempten: Zivilschutz zwischen Ehrenamt und neuer Bedrohungslage

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine rückt eine Aufgabe wieder ins Zentrum, die lange abstrakt wirkte: Zivilschutz. Im Ernstfall liegt die Koordination der Einsatzkräfte bei den Kommunen. Mehrtägige Stromausfälle, hybride Angriffe, gezielte Desinformation – Szenarien, für die vielerorts aber konkrete Pläne fehlen, so zum Beispiel auch in Kempten.

Melanie Englisch ist Ortsvorsteherin des THW in Kempten. Sie arbeitet neben ihrem Vollzeitjob als Softwareberaterin noch 20 bis 30 Stunden pro Woche ehrenamtlich für das THW. "Die Bedrohungslage ist diffuser geworden", sagt sie. Etwa 120 Ehrenamtliche sind beim THW in Kempten engagiert – um für den Ernstfall gerüstet zu sein, müssten es aber doppelt so viele sein, schätzt Englisch.

Rosenheim: Früh investieren, um später zu sparen

Bayernweit klagen Landratsämter und kreisfreie Städte über steigende Kosten für die Jugendhilfe bei gleichzeitig sinkenden Einnahmen.

Auch in Rosenheim sind die Ausgaben bei der Kinder- und Jugendhilfe zuletzt gestiegen, aber deutlich weniger stark als im Landesdurchschnitt. Das freie Fußballtraining von Özgür Yilderim zeigt, wie Kommunen präventiv wirken können. Umgesetzt von der gemeinnützigen Organisation Startklar, finanziert von der Stadt, kommen jeden Samstag etwa 80 Kinder. Für den 49-jährigen Yilderim, Sohn türkischer Einwanderer, geht es nicht nur um Sport, sondern um Orientierung, Disziplin und Perspektiven. Er vermittelt Praktika, spricht mit Eltern, greift ein, bevor Probleme eskalieren. "Steck lieber jetzt Geld rein, als später viel mehr zahlen zu müssen", sagt Yilderim.

Erlangen: Wenn Kultur zur Verhandlungsmasse wird

Wie schnell sich die finanzielle Lage verändert hat, zeigt Erlangen. 140 Millionen Euro weniger Gewerbesteuer als erwartet zwangen die Stadt zuletzt zur Vollbremsung. Projekte stehen unter Genehmigungsvorbehalt des Bezirks, im Stadtrat wird um fünfstellige Beträge gerungen.

Besonders unter Druck geraten freiwillige Leistungen – etwa die Kulturförderung. Auch das E-Werk in Erlangen, eine der wichtigsten Kulturstätten der Region, verlor kurzfristig 150.000 Euro Zuschuss. Aber Bürgerinnen und Bürger sprangen mit Spenden ein, um das Programm zu sichern. Eine davon war Vivian Bärthlein. Sie singt in einem Chor, der im E-Werk probt und dort regelmäßig auftritt. Als die Kürzungen bekannt wurden, beteiligte sie sich an einer Spendenaktion – symbolisch mit einer "Fliesenpatenschaft". 50.000 Euro kamen so zusammen. Kultur sei für die gesamte Gesellschaft unerlässlich, ist Bärthlein überzeugt: "Ich glaube, so findet Teilhabe statt, Gemeinschaft, Demokratie, Meinungsbildung."

Thanstein: Wenn keiner mehr kandidieren will

Im 960-Einwohner-Ort Thanstein in der Oberpfalz zeigt sich eine andere, stille Krise. Der ehrenamtliche Bürgermeister Walter Schauer hört nach zwölf Jahren auf. Anfeindungen, steigendes Anspruchsdenken, ständige Erreichbarkeit – das Amt zehrt an seinen Kräften. Der 67-Jährige ist seit zwölf Jahren ehrenamtlicher Bürgermeister, insgesamt engagiert er sich seit vier Jahrzehnten für seine Gemeinde.

"Das Anspruchsdenken wird immer mehr, die Leute sind nicht mehr ganz so bereit, sich mit einzubringen, üben auch wesentlich früher Kritik, zum Teil unsachlich", sagt Schauer. Auch ein Grund, warum er nicht mehr antreten wird. In Thanstein kommt es jetzt zu einer sogenannten Urwahl – die Wählerinnen und Wähler schreiben dabei einen beliebigen Namen auf den Wahlzettel. Die Person mit den meisten Stimmen muss die rechtlichen Kriterien, z. B. Volljährigkeit, erfüllen und die Wahl annehmen. Schauer hofft, dass die Thansteinerinnen und Thansteiner einen geeigneten Kandidaten bestimmen.

"Ohne Kommunen geht nichts" die BR-Story läuft heute Abend um 22:00 Uhr im BR Fernsehen

Im Audio: Ohne Kommunen geht nichts

Das Kulturzentrum E-Werk in Erlangen.
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Das E-Werk in Erlangen, eine der wichtigsten Kulturstätten der Region, verlor kurzfristig 150.000 Euro Zuschuss.

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