Angeklagter mit Fußfessel (Archivbild vom 1. Verhandlungstag)
Bildrechte: BR/Thomas Päsl

Hatte die Gewaltattacke in Augsburg einen schwulenfeindlichen Hintergrund?

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Opfer von Gewaltattacke nennen Schwulenfeindlichkeit als Motiv

Vor rund sechs Jahren schlug ein 17-Jähriger zu und tötete mit einem einzigen Faustschlag einen Familienvater. Jetzt steht der damalige Täter wieder vor Gericht, weil er zugeschlagen haben soll. Die Opfer sprechen auch von homophoben Beschimpfungen.

Über dieses Thema berichtet: Regionalnachrichten aus Schwaben am .

"Ich bin froh, dass ich das überlebt habe", so fasst das Opfer in der Verhandlung vor dem Landgericht Augsburg das Geschehene zusammen. Vor einem Jahr waren der Mann und sein damaliger Lebensgefährte von den fünf jungen Männern, die auf der Anklagebank sitzen, geschlagen und bedroht worden. Immer wieder kommen ihm bei seiner Aussage an diesem dritten Verhandlungstag die Tränen, als er schildert, wie er und sein Ex-Partner attackiert worden seien. Er habe schwere Prellungen am Kopf und dem gesamten Oberkörper erlitten, leide jetzt immer noch unter schweren Kopfschmerzen und sei in psychotherapeutischer Behandlung.

Opfer: Harte und gezielte Schläge

Ihm und seinem Freund habe wohl das Leben gerettet, dass sie sich, am Boden liegend, in Schildkrötenstellung gegenseitig geschützt hätten, als die Hiebe und Tritte auf sie einprasselten, so habe es ihnen zumindest das medizinische Personal im Uniklinikum geschildert. "Ich bin stark", sagte der Mann mit Verweis auf seine Statur. Er sei über zwei Meter groß und wiege knapp hundert Kilogramm, "aber jemand anders hätte das vielleicht nicht überstanden". Die Schläge seien hart und gezielt gekommen.

"Klar schwulenfeindliche Ausrufe"

Wie schon das erste Opfer am Tag zuvor ausgesagt hatte, berichtete der Geschädigte von massiven Schlägen, gegen Kopf und Oberkörper, auch von Tritten, als er schon am Boden lag, zum Teil mit Anlauf. Beide sagten aus, dass es mehrere klar schwulenfeindliche Ausrufe gegeben habe, etwa "Stirb, du Scheißschwuchtel" oder "Verrecke, du Missgeburt". Beide sagten ebenfalls übereinstimmend aus, dass die Schläger erst nachgelassen hätten, als einer der Beteiligten gerufen habe, "die Bullen kommen, lauf Halid, lauf!"

Viereinhalb Jahre Haft nach tödlichem Faustschlag

Der Hauptangeklagte, der 23 Jahre alte Halid S., hatte am Nikolausabend 2019 am Augsburger Königsplatz einen 49 Jahre alten Familienvater, der auch als Feuerwehrmann tätig war, nach einem Streit mit einem einzigen Faustschlag getötet. Der damals 17-Jährige wurde wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu einer Jugendstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt. Der Fall sorgte für bundesweite Schlagzeilen. 

Generalstaatsanwaltschaft bei Verdacht der Hasskriminalität

Ihm habe bei der Verarbeitung des Erlebten sehr geholfen, "dass die Sache so ernst genommen wird", so der Zeuge zur Tatsache, dass die übergeordnete Generalstaatsanwaltschaft den Fall an sich gezogen hat. Sie schaltet sich ein, wenn der Verdacht der Hasskriminalität besteht. "Ob es sich um einen homophoben Tathintergrund handelt, ist für das Strafmaß wichtig, weil dieser Punkt die Strafhöhe beeinflussen kann", so Gerichtssprecher Michael Rauh gegenüber dem BR.

Drei der Angeklagten hatten zu Prozessbeginn über ihre Verteidiger Erklärungen abgegeben, darunter auch Halid S.. Darin räumte er die Schläge und Tritte grundsätzlich ein. Wie seine Mitangeklagten betonten er jedoch, nicht aus queer-feindlichen Motiven gehandelt zu haben. Das Urteil im Prozess soll Mitte März fallen.

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