Ein Herbstabend wochentags in einer Notaufnahme der München Klinik: 55 Patienten sind in der sehr vollen Notaufnahme, mehr als die Hälfte von ihnen wartet noch auf die Erstuntersuchung. Um 18 Uhr beginnt die Schicht von Oberarzt Dr. Sebastian W. (Name geändert). "Es war extrem schwierig am Anfang den Überblick zu gewinnen, da schon gegen 18 Uhr ein Großteil der Patienten sehr lange Wartezeiten hatte und eigentlich keine geordneten Abläufe mehr existierten" schreibt der Oberarzt in einer internen Mail, die dem BR vorliegt.
Acht bis zehn Stunden Wartezeit in der Notaufnahme
Einige Patienten warten da schon seit acht oder sogar zehn Stunden. Dr. Sebastian W. und sein Team versuchen sich einen Überblick zu verschaffen. Gerade in der Notaufnahme kann die erste Untersuchung über Leben und Tod entscheiden. Es wird bis halb vier in der Nacht dauern, bis alle Patienten abgearbeitet sind.
"Meines Wissens nach kam es zu keinem Schaden eines Patienten", hält Dr. Sebastian W. fest. Trotzdem lag aus seiner Sicht eine Gefährdung für Patienten vor - weil viele kritisch eingestufte Patienten nicht schnell genug behandelt werden konnten. Es ist aus seiner Sicht ein extremes Beispiel für Überfüllungen in den Notaufnahmen. Doch solche Situationen passieren laut Belegschaft immer häufiger.
Geplante Umstrukturierung für bessere Patientenversorgung
Die München Klinik hatte allein im vergangenen Jahr ein Defizit von 140 Millionen Euro. Zu viel für die Stadt München, die als kommunaler Träger selbst sparen muss. Bis 2029 hat die Stadt den Kliniken Rückendeckung versprochen. Doch bis dahin soll das Defizit runter. Umsetzen soll das Dr. Götz Brodermann, der Geschäftsführer. "Wir wollen nicht mehr an jedem Standort alles machen. Wir werden uns auf zwei Hauptstandorte konzentrieren, das wird Bogenhausen und Harlaching als Maximalversorger", sagt Brodermann im Gespräch mit dem BR.
Das Konzept "MÜK20++" soll Kompetenzen bündeln und die Patientenversorgung verbessern. Dazu gehört auch der Abbau von Ärztestellen.
Proteste gegen Stellenabbau bei Ärzteschaft
Diese geplanten Sparmaßnahmen haben schon zu deutlichem Protest von einigen Ärztinnen und Ärzten geführt. Insgesamt vier Brandbriefe wurden an den Aufsichtsrat geschrieben. Der BR-Funkstreifzug hat mit sechs Ärztinnen und Ärzten der MÜK gesprochen - von der Assistenzärztin bis zum Oberarzt. Weil sie Probleme mit ihrem Arbeitgeber befürchten, wollen sie anonym bleiben. Viele empfinden den Klinikalltag als ineffizient und stressig.
So berichtet eine Assistenzärztin: "Es sind einfach zu viele Patientinnen für zu wenig ärztliches Personal und das führt einfach dazu, dass wir den ganzen Aufgaben, die pro Patient anfallen, nicht gerecht werden können." Einige Ärztestellen wurden bereits nicht verlängert, was zu einer Verunsicherung in der Belegschaft geführt hat. Die Klinikleitung betont zugleich, man habe mit dem Stellenabbau noch gar nicht angefangen.
Politisches Problem bringt kommunale Kliniken in Bedrängnis
Hinter diesem Kampf an der München Klinik verbirgt sich ein deutschlandweites Problem: Das sogenannte Fallpauschalensystem soll Krankenhäuser effizient arbeiten lassen. Doch vor allem Rundum-Versorger wie die München Klinik haben dadurch Schwierigkeiten, genügend Geld zu erwirtschaften. Die Klinikleitung in München argumentiert, dass man aktuell mit mehr Ärzten weniger komplexe Fälle versorge als vor der Corona-Pandemie. Dementsprechend seien Reformen und auch Kosteneinsparungen in der München Klinik möglich und notwendig.
"Bodenloses" IT-System und strukturelle Mängel
Die ärztliche Belegschaft verweist auf zahlreiche andere strukturelle Probleme, welche den Klinikalltag behindern: Ein "bodenloses" IT-System, mangelnde Digitalisierung und ineffiziente Strukturen. Die Klinikleitung betont, dass man diese Probleme angehe. Die Maßnahmen bräuchten Zeit, um Wirkung zu entfalten. Erste Erfolge seien aber schon sichtbar. Das Patientenwohl sieht der Geschäftsführer Dr. Götz Brodermann nicht gefährdet.
Der BR-Funkstreifzug hat keine Belege dafür gefunden, dass bei der München Klinik wegen der Sparmaßnahmen Patienten zu Schaden gekommen sind. Doch aus zahlreichen Gesprächen und internen Dokumenten geht hervor, dass bei vielen Ärztinnen und Ärzten die Belastungsgrenze längst erreicht ist. Sie fürchten, dass sie die medizinische Versorgung nicht immer auf dem hohen Standard gewährleisten und dass sie ihren eigenen Ansprüchen nicht mehr genügen können.
Betriebsrat und Klinikleitung ringen um Dialog
Auch Betriebsrat Dr. Peter Hoffmann betont, dass man effizienter werden muss. Die bisherigen Stellenkürzungen wirkten auf ihn aber eher "planlos". Er verweist auf hohe Überstundenzahlen der Ärzte und mangelnde Einbindung der Belegschaft. Wenn es so weitergehe, sei tatsächlich irgendwann das Patientenwohl gefährdet. Die Klinikleitung möchte in der Zukunft noch mehr "intern diskutieren". Mehr ernsthaften Dialog erhoffen sich auch Betriebsrat und Ärztinnen und Ärzte.
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