Marion Flügel ist Apothekerin in Schwarzach im unterfränkischen Landkreis Kitzingen. Und das mit Leib und Seele. Seit 2008 selbstständig, hat sie Apotheken gegründet, Filialen aufgebaut – und wieder schließen müssen. "Es ist einer der schönsten Berufe, die man machen kann", sagt sie gegenüber BR24. Empfehlen würde sie ihn heute trotzdem niemandem mehr. Der Grund: Rahmenbedingungen, die Vor-Ort-Apotheken zunehmend in die Knie zwingen.
Apothekerinnen und Apotheker skeptisch gegenüber Gesetzentwurf
Ende der Woche steht der Referentenentwurf für das Apothekenversorgungs-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) im Bundestag auf der Tagesordnung. Die Bundesregierung will laut Entwurf des Bundesgesundheitsministeriums die Versorgung "weiterentwickeln und modernisieren". Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) und Apothekerinnen wie Flügel sehen darin vor allem eine weitere finanzielle und strukturelle Schwächung der Apotheken vor Ort.
Streitpunkt ist das sogenannte Fixum. Apotheken bekommen für jedes Medikament immer die gleiche Summe. Im Koalitionsvertrag hatten CDU, CSU und SPD festgehalten, diese Summe zu erhöhen. Davon stehe aber nichts im aktuellen Gesetzentwurf, bemängelt Apothekerin Marion Flügel. Sie fordert, das Fixum an die Kostenentwicklung und Inflation der letzten Jahre anzupassen. "Das heißt, es sollte nicht nur wie im Koalitionsvertrag bei 9,50 Euro landen, sondern eigentlich wären es 14 oder 15 Euro, die erforderlich wären. Dazu gehört halt ein Bekenntnis der Regierung zur Apotheke vor Ort." Und das fehle ihr.
"Wir sparen der Kasse mehr, als wir kosten"
Die Bundesregierung betont im Gesetzentwurf Effizienz, Digitalisierung und Strukturänderungen. Apothekerinnen wie Flügel erinnern an einen anderen Aspekt: Fehlervermeidung, Beratung, niedrigschwelliger Zugang. "Wir finden Fehler und wir helfen den Menschen und sind eigentlich ein wichtiger Bestandteil im Gesundheitswesen", sagt sie. Apotheken würden "dem System der gesetzlichen Krankenkasse mehr Milliarden sparen, als sie kosten."
Die ABDA warnt, der Entwurf sei "fehlsteuernd" und setze Anreize zulasten der Vor-Ort-Apotheken, während zugleich Apothekenschließungen zunehmen. Schon heute entstünden Regionen ohne eigene Apotheke – die Wege würden länger, auch im Notdienst, so die ABDA-Stellungnahme. In Bayern gab es Ende 2024 noch 2.697 Apotheken. Ende 2025 waren es noch 2.616. Das heißt, es haben alleine im vergangenen Jahr 81 Apotheken geschlossen.
Landapotheke statt Logistikhalle: Warum Versand die Vor-Ort-Apotheke nicht ersetzt
Flügel kennt beide Welten: die kleinteilige Versorgung auf dem Land und den Konkurrenzdruck in der Stadt. "In der Stadt, gerade in Schweinfurt, sind die Leute wesentlich preissensibler", erklärt die Pharmazeutin. Auf dem Land dagegen gebe es "über Jahrzehnte gewachsene persönliche Verhältnisse", man bekomme ganze Lebensgeschichten mit – von der Geburt bis zum Pflegefall.
Versandapotheken im Ausland könnten das nicht ersetzen, findet die Apothekerin. "Das sind reine Logistikzentren, Lagerhallen mit Hochregalen", so Flügel. Dort arbeiteten Niedriglohnkräfte ohne pharmazeutische Qualifikation, Notdienste gebe es nicht und es seien Rabatte möglich, die Vor-Ort-Apotheken nicht gewähren dürften.
Kernkompetenz: Persönliche Beratung
Hinzu komme die Kernkompetenz der Apotheken, individuelle Rezepturen. Saft für ein Kind mit ADHS, Augentropfen, Salben, Kapseln für Neugeborene mit Herzfehler – Arzneimittel, die es nicht industriell gebe oder nicht lange genug haltbar seien. "Das ist unsere Kernkompetenz, unser Herzblut", so die Apothekerin. "Das können Sie nicht aus dem Versand bestellen."
Im unterfränkischen Prichsenstadt, wo Flügel früher eine Apotheke betrieben hat, seien die Menschen einige Jahre nach der Schließung mehr oder weniger daran gewöhnt, in das drei Kilometer entfernte Wiesentheid zu fahren und die dortige Apotheke aufzusuchen.
Notdienste, Personalmangel, Privatleben: Die unsichtbaren Kosten
Finanzen sind für Flügel kein abstraktes Thema. Sie haben spürbare Folgen: Sie musste ihre Filiale Prichsenstadt schließen, weil sich kein Filialleiter mehr fand, ihre Filiale in Wiesentheid aus wirtschaftlichen Gründen. Viele Notdienste blieben an ihr hängen. "Im Prinzip habe ich Anwesenheitspflicht an sieben Tagen die Woche, 24 Stunden", beschreibt sie ihre Lage. Familienfeste, Schulfeste, Einladungen – vieles musste sie dafür absagen. Auch ihre Kinder wollten den Betrieb nicht übernehmen. "Das fand ich zuerst schade. Mittlerweile bin ich sehr zufrieden, dass es so ist“, so Flügel.
Für die Zukunft wünscht sie sich "ein Bekenntnis der Regierung zur Apotheke vor Ort". Die ABDA fordert im gleichen Sinne in ihrer Stellungnahme, das Gesetz grundlegend nachzubessern.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

