(Symbolbild) Ein Pfeilschild mit der Aufschrift "Demokratie".
Bildrechte: picture alliance / CHROMORANGE | MICHAEL BIHLMAYER

(Symbolbild) Deutschland steckt in einer Vertrauenskrise. Aber ist auch unsere Demokratie in Gefahr?

Per Mail sharen
Artikel mit Audio-InhaltenAudiobeitrag

Funktioniert unsere Demokratie noch?

Deutschland steckt in einer Vertrauenskrise. Aber ist auch unsere Demokratie in Gefahr? Trotz wachsender Unzufriedenheit sehen Experten kein Ende des demokratischen Systems, aber die Gefahren nehmen zu.

Über dieses Thema berichtet: Münchner Runde am .

In Deutschland wächst die Skepsis gegenüber der Politik. Viola Neu, Leiterin der Wahl- und Sozialforschung der Konrad-Adenauer-Stiftung, spricht von einem "historischen Tiefstand" des Vertrauens in die Bundesregierung. Von einem Zusammenbruch demokratischer Systeme will sie dennoch nicht sprechen. Viele zentrale Institutionen seien weiterhin stabil. Gerichte, Polizei und Bundeswehr würden nach wie vor hohes Vertrauen genießen.

Experte: Politische Ränder profitieren von Vertrauensverlust

Professor Hans Vorländer, Politikwissenschaftler an der TU Dresden, erklärt, dass auch das Vertrauen in die Demokratie an sich nach wie vor stark ist: "Zum einen geht es darum, ob man der Idee der Demokratie zustimmt und Demokratie für ein prinzipiell gutes System hält, das ist in Deutschland nach wie vor so." Nachgelassen habe jedoch "das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit der bundesdeutschen Demokratie".

Und davon profitieren vor allem die politischen Ränder, allen voran die AfD. Vorländer sagt, dass gerade in Krisenzeiten viele Menschen sehr anfällig für "autoritäre Versuchungen" sind. Rechtspopulistische Kräfte dürften nicht unterschätzt werden, da nie sicher sei, "ob sie die Macht, die ihnen damit zufällt, nicht doch missbrauchen". Die Geschichte zeige, dass oft erst im Nachhinein erkennbar werde, wann demokratische Strukturen ernsthaft gefährdet seien.

Krisen als Nährboden für Populismus

Populistische Parteien haben laut Viola Neu vor allem deshalb Erfolg, weil sie vorgäben, "für das eigentliche Volk" zu sprechen und für komplexe Probleme einfache Lösungen anzubieten. Themen wie Migration würden dabei als "Sündenbock" genutzt. Sie sieht den aktuellen Erfolg populistischer Parteien als Folge des Vertrauensverlusts sowie materieller Sorgen.

Wie hängt wirtschaftliche Unsicherheit mit der Stabilität der Demokratie zusammen? Das erklärte der Politikwissenschaftler Peter R. Neumann in der Münchner Runde vergangene Woche: "Was wir eben beobachtet haben, ist, dass es in der neueren Geschichte eigentlich keine liberale Demokratie gibt, die auf Dauer stabil geblieben wäre, ohne wirtschaftliches Wachstum".

Zwischen Sorge und Zuversicht

Gleichzeitig warnt Viola Neu vor übertriebener Untergangsstimmung: Die Demokratiezufriedenheit bewege sich aktuell auf einem ähnlichen Niveau wie bereits 2018. Politikverdrossenheit verlaufe in Zyklen, erklärt sie, deshalb könne sich die Stimmung auch wieder verbessern.

Auch die Erstarkung populistischer Parteien sieht Neu nicht als unmittelbare Bedrohung für die Demokratie. Die Bundesrepublik sei bewusst als "Gegenentwurf zu Weimar" konstruiert worden und verfüge über starke demokratische Sicherungen. Dennoch stelle die Stärke der AfD "vor allen Dingen in den neuen Ländern" eine neue Herausforderung dar.

Demokratie braucht Vertrauen

Auch Vorländer mahnt, die Demokratie nicht als selbstverständlich zu betrachten: "Denn das ist ein hervorragendes System, mit Vielfalt umzugehen und mit Freiheit politische Entscheidungen zu treffen." Deshalb müsse "uns alle die Sorge um den Erhalt der Demokratie umtreiben." Angst und Fatalismus seien jedoch "das falsche Rezept".

Entscheidend sei nun, dass die Politik dafür Sorge trage, dass das Vertrauen in die Demokratie wieder ansteigt. Das könne nur passieren, indem Regierungen entschieden handeln und Erwartungen, die sie wecken tatsächlich auch erfüllen.

Demokratien weltweit in der Krise

International scheinen Demokratien weniger gefestigt. Laut dem Bertelsmann-Transformation-Index sank der Anteil der Weltbevölkerung, der in Demokratien lebt, von 51 Prozent im Jahr 2004 auf 28 Prozent im Jahr 2024. Gleichzeitig gewinnen autoritäre Staaten an Einfluss und koordinieren ihre Interessen zunehmend gemeinsam.

Die USA werden im Transformationsindex 2026 als Demokratie eingestuft, allerdings eine, die sich in der Erosion befindet. Lange galten sie als zentrale Stütze der liberalen Weltordnung. Spätestens mit Trumps zweiter Präsidentschaft und dem Rückzug der USA aus multilateralen Institutionen bahnt sich eine deutliche Krise der dortigen Demokratie an.

Viola Neu bewertet die Entwicklung in den USA differenziert. Trotz politischer Spannungen funktionierten die "Checks and Balances" weiterhin. Gerichte stoppten Präsidialerlässe, föderale Strukturen arbeiteten stabil. Demokratie bedeute vor allem "Macht auf Zeit", betont Neu. Beispiele wie Polen und Ungarn zeigten, dass selbst nach langen populistischen Regierungsphasen Machtwechsel möglich blieben. Das sei "die Kernfunktion von Demokratie".

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!