Putins Bild im Hintergrund in einem Theater
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Vier Jahre Krieg: Putin-Propagandisten sehen Russland geschwächt

Kreml-Fans übergehen den vierten Jahrestag von Putins Angriffskrieg mit Schweigen, Ultrapatrioten beschimpfen ihre Landsleute als träge und unwillig, kremlkritische Beobachter verweisen auf "Apathie", alle zusammen bedauern eine "Spaltung" des Volks.

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"Hunderttausende Tote und Millionen Unglückliche – das ist der Preis, den manche für Sturheit, andere für Dummheit zahlen. Für keine der beiden Seiten ist dieser Jahrestag ein Grund für Nationalstolz", heißt es nach vier Jahren Krieg wenig triumphal in einem der anonymen russischen Polit-Blogs [externer Link].

Was auffällt: Die meisten kremltreuen russischen Propagandisten scheuen jegliche Stellungnahme zum Jahrestag von Putins Angriffskrieg oder beließen es bei der Floskel, es gehe um die "Verteidigung gegen westliche Aggression" (Sergei Markow). Redselig sind nur die "Ultra-Patrioten", die einmal mehr beklagen, dass ihre Landsleute immer noch zu wenig opfer- und kampfbereit seien, und die wenigen Beobachter, die sich noch trauen, der Propaganda zu widersprechen.

"Geist der Einheit verloren"

"Wir gehen ins fünfte Jahr und wir sind immer noch kaum erwacht", nörgelt zum Beispiel der rechtsextreme "Philosoph" und Kriegsfanatiker Alexander Dugin [externer Link]: "Wir erwachen, nicken aber sofort wieder ein. Das Land will nicht aufwachen. Vor allem die Elite. Aber sie muss. Wir stehen wirklich ganz am Anfang, beginnen uns gerade erst zu regen. Und dann erstarren wir wieder."

Dugins nationalistischer Gesinnungsgenosse, Propagandist Sachar Prilepin, schreibt grimmig [externer Link]: "Es geht nicht einmal darum, dass Russland noch nicht gewinnen kann. Der Punkt ist, dass wir dieses Ziel gar nicht verfolgen. Wir planen weder einen Einmarsch in Kiew noch in Odessa." Niemand kenne Putins Pläne, weil er sie nicht kommuniziere. Fortschritte an der Front seien "kaum wahrnehmbar": "Am meisten empört mich jedoch, dass unser Land den Geist der Einheit verloren hat, der trotz aller Rückschläge 2022 noch herrschte."

"Selbst der Krieg eint das Volk nicht"

Wenig zuversichtlich äußerte sich auch die kremltreue Politologin Elena Panina [externer Link]: "Die Regierung wird alle möglichen und unmöglichen Dummheiten machen, was für die nächsten Jahrzehnte Dutzende weitere Alpträume zur Folge haben wird. Das Land wird erschüttert werden, mal mehr, mal weniger. Die Menschen werden in Panik geraten und rebellieren, manche werden den Anweisungen folgen, andere ums Überleben kämpfen. Im Grunde ist alles wie immer."

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Infotafel

Wenig optimistisch auch dieser Blogger-Kommentar [externer Link]: "Unser Land erwies sich nicht als das stärkste oder gar mächtigste, sondern als schwach – militärisch, in der Regierungsführung, technologisch, diplomatisch und in der Informationspolitik. Es zeigte sich, dass unser Land nur verbal an Gerechtigkeit interessiert war, während das Volk so gespalten und dem Land so entfremdet war, dass selbst der Krieg es nicht vereinen und zum Kampf ums Überleben mobilisieren konnte."

"Zeitloser Zustand ohne Ende"

Der in London lehrende Exil-Politologe Wladimir Pastuchow schließt sich dieser Sichtweise an [externer Link]: "Am Ende des vierten Kriegsjahres hat sich die Bevölkerung zunehmend aufgespalten zwischen denen, für die Freiheit der höchste Wert ist, und denen, für die das Leben den höchsten Wert hat. Im Krieg ist leider das eine mit dem anderen unvereinbar. Diese Spaltung ist heute besonders deutlich geworden, da der Preis der Freiheit für die Ukraine aufgrund Russlands Hinwendung zu offen terroristischen Kriegsmethoden drastisch gestiegen ist." Letztlich habe jeder eine andere Vorstellung von Selbstachtung: "Die Ukrainer haben eine hohe."

Politologe Andrei Kalitin bilanzierte düster [externer Link], Russland habe längst verloren und sei zu einem "Friedhof" geworden. Jeder müsse sich selbst fragen, ob sich sein Leben verbessert habe: "Russland erwartet in Zukunft eine schreckliche Erkenntnis. Wenn die Menschen endlich darüber nachdenken, was ihr Staat getan hat, wie die Wirtschaft des Landes und all seine Errungenschaften in vier Jahren zerstört wurden, wofür enorme Summen ausgegeben wurden und ob all das überhaupt notwendig war, wird die Gesellschaft zur Besinnung kommen. Doch Sühne für Sünden folgt erst nach Reue. Bis dahin ist es noch ein langer Weg."

Einer der mit 405.000 Fans größten anonymen Polit-Blogs verwies auf die verbreitete Kriegsmüdigkeit der meisten Russen [externer Link]: "Die Ängste vor Mobilmachung oder Drohnenangriffen legten sich, doch die Apathie wuchs. Viele nehmen den Krieg zunehmend als einen zeitlosen Zustand ohne absehbares Ende wahr."

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