"Vor einigen Jahren war in Russland Wut das vorherrschende Gefühl, dann war es Angst, und jetzt ist es offenbar Traurigkeit. Man hat den Eindruck, dass es kein Protestpotential gibt. Die Stimmungslage, die ich derzeit in den sozialen Netzwerken wahrnehme, ist eine bleierne Hoffnungslosigkeit", so Jewgeni Mintschenko, der Präsident der Russischen Vereinigung für Öffentlichkeitsarbeit und Politikberatung in einem Interview [externer Link].
Derzeit überschütte der Kreml die Russen mit Entscheidungen, die ihre Lebensqualität verschlechterten. Dazu gehören unausgesprochen immer neue Verbote und Einschränkungen der Meinungsfreiheit. So wird seit Monaten gemunkelt, der Kreml wolle den beliebten Kurznachrichten-Dienst Telegram "abschalten".
Einer der tonangebenden russischen Polit-Blogger mit 406.000 Fans bestätigte Mintschenkos Sichtweise [externer Link]: "Der Wunsch nach Frieden ist in der Öffentlichkeit stark verankert; er wächst, aber die Unmöglichkeit, ihn hier und jetzt zu erfüllen, prägt zunehmend die öffentliche Stimmung. Trauer ist die aussagekräftigste Reaktion darauf. Gesellschaft und Elite fürchten die Folgen des gegenwärtigen Geschehens, doch es werden ihnen keine Alternativen geboten. Daher ist Trauer – man könnte sogar sagen fatalistische Trauer – die wohl charakteristischste Reaktion."
Politologe Jewgeni Michailow ist der Meinung, die "Demoralisierung" der russischen Bevölkerung habe eine "zerstörerische Phase" erreicht [externer Link]: "Die Offensive der Regierung gegen die Bevölkerung erscheint völlig irrational." Publizist Georgi Jans nannte die Zivilgesellschaft eine "ausgedörrte Wüste". Offene Debatten seien "nur noch auf dem Mars" möglich, wo die Behörden nicht so schnell hinkämen.
"System ignoriert den Wandel"
Ähnlich negativ beurteilen zahlreiche weitere Kommentatoren die derzeitige politische Atmosphäre unter Putin. So schreibt Politologe Ilja Graschtschenkow [externer Link]: "Das System ignoriert den Wandel immer noch. Trägheit, die sich als Stabilität tarnt, ist besonders gefährlich, wenn die Wende bereits eingeleitet ist und das Steuerrad trotzdem gerade gehalten wird. Doch wie es in Russland Tradition ist, treffen stets zwei Arten von Vorhersagen ein: die schlimmsten und die bleiernen."
"Hoffnung ist zaghaft und flüchtig"
Selbst Propagandist Alexander Chodakowski (324.000 Fans) ist nach eigener Aussage etwas mulmig zumute: "Unsere Aufgabe ist es, uns weniger von diesen berüchtigten Stimmungsschwankungen beherrschen zu lassen. Natürlich können wir nicht ohne sie leben, wir sind schließlich alle nur Menschen, aber die Hauptsache ist, dass sie unsere Produktivität nicht beeinträchtigen."
Infotafel
Blogger Dmitri Sewrjukow fiel auf, dass den Russen nicht mal mehr am 1. April nach Scherzen zumute gewesen sei: "An diesem eigentlich fröhlichen Tag ist kein Platz mehr für Lachen. Wenn man genauer darüber nachdenkt, wurde schon lange nicht mehr gelacht, jetzt schon gar nicht mehr, denn früher regte sich trotz des Frühlingsfrosts die Hoffnung auf Besserung und lugte hinter den Wolken hervor. Jetzt hingegen, wenn sie überhaupt noch aufblitzt, ist sie zaghaft und flüchtig."
"Bis man aus dem Studio getragen wird"
Der kremlkritische Politologe Andrei Nikulin macht sich seinen eigenen Reim auf solche Äußerungen [externer Link]: "Wenn Sie die kreischenden, hysterischen und sabbernden Propagandaköpfe fassungslos betrachten, denken Sie daran: Auch sie haben Angst. Bis auf wenige Ausnahmen haben sie sich das nicht ausgesucht – sie fürchten den Zusammenbruch, den Waffenstillstand und den Sieg gleichermaßen. Sollte etwas schiefgehen, werden sie als die augenfälligsten Akteure die Leidtragenden sein."
Wie auch immer der Krieg enden werde, so Nikulin, die Propagandisten hätten wenig Gutes zu erwarten: "Das wohlgenährte, komfortable, wenn auch angespannte Leben der Jahre vor dem Februar 2022 [dem Kriegsausbruch], als man noch gegen den Westen, den Liberalismus und das 'Kiewer Regime' wettern konnte, gelegentlich Urlaub in der Schweiz machte und von einem Ruhestand in der Karibik träumte, ist Geschichte. Jetzt muss man, wie in jedem Krieg, bis zum letzten Atemzug ausharren und seinen Posten verteidigen, bis man aus dem Studio getragen und ersetzt wird."
Originell die These von Publizist Juri Dolgoruki: "Unser Vertrauen in die Institutionen ist nicht etwa deshalb erschüttert, weil jemand dort versagt, sondern weil ebendiese Institutionen, die von ihren Bürgern rationales und kritisches Denken einfordern, selbst als erste darauf verzichteten und auf schamanische Propaganda umstellten."
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