"Dieser Beitrag hätte jeden Oppositionellen ins Gefängnis gebracht", so einer der russischen Polit-Blogger (externer Link) über eine aufsehenerregende Meinungsäußerung des milliardenschweren Industriellen Oleg Deripaska, der zum engeren OIigarchen-Kreis um Putin gehört.
Der Manager hatte auf seinem Telegram-Kanal Putins Sicherheitskräften die "Zerstörung der rechtsstaatlichen Institutionen" vorgeworfen. Deshalb werde in die russische Wirtschaft nicht mehr investiert: "Diese Krise ist tiefgreifend. Sie wird durch einen schwierigen Wandel verursacht: von den globalen Möglichkeiten, die wir früher hatten, hin zu regionalen, mit allerlei Einschränkungen."
Deripaska brachte seine Landsleute mit dem Vorschlag gegen sich auf, künftig sechs Tage die Woche zwölf Stunden zu arbeiten, von morgens acht bis abends acht: "Diesen Weg müssen wir gehen, und zwar so schnell wie möglich. Ich gebe zu, wir haben nicht viele Handlungsmöglichkeiten. Genauer gesagt, nur eine, und die ist mit unserer nationalen Eigenart verbunden: In schwierigen Zeiten wissen wir, wie wir zusammenhalten und noch härter arbeiten."
"Wann teilen sie die Leibeigenen auf?"
Nachdem Deripaska aus dem Staatsapparat Beifall bekam, etwa vom Bildungspolitiker, Akademiemitglied und Ex-Parlamentarier Gennadi Onischtschenko, schrieb Kommentator Oleg Sarow (412.000 Fans) sarkastisch (externer Link): "Wir kehren schnell zu unseren Anfängen zurück. Ich dachte, Deripaska hätte irgendwelchen Unsinn gepostet, ohne nachzudenken. Aber nein. Eine ganze Kampagne zur Rückkehr ins 19. Jahrhundert ist im Gange. Wann werden sie die Leibeigenen unter sich aufteilen?"
Andere russische Beobachter verzichteten auf jedwede Ironie (externer Link): "Es ist möglich, dass die Regierung die Bevölkerung offen und systematisch auf das Szenario einer totalen Arbeitsmobilisierung vorbereitet."
"Hummeln arbeiten von 6 bis 19 Uhr"
Niemand solle von bezahlten "Überstunden" träumen, so das Fazit, dafür sei nämlich kein Geld da: "Das Land wird auf so etwas wie ein riesiges paramilitärisches Lager vorbereitet, in dem eine Kündigung physisch unmöglich wird und traditionelle Gehälter teilweise durch Lebensmittelmarken ersetzt werden könnten."
Auf solche Kritiken reagierte Deripaska ironisch: Er postete das Foto eines blühenden Obstgartens und verwies darauf, dass Hummeln sogar von 6 bis 19 Uhr "arbeiteten", und zwar täglich. Vereinzelt wurde in diesem Zusammenhang auch an ein Zitat von Putin vom 23. Februar dieses Jahres erinnert, das Deripaskas Forderung quasi vorweggenommen habe (externer Link): "Die Fähigkeit, gemeinsam für gemeinsame Ziele zu siegen, ist die gewaltige Stärke unserer Armee und unserer multinationalen Gesellschaft."
Infotafel
Das "Gespenst der Knechtschaft" schwebe über Russland, argumentierte ein weiterer Beobachter (externer Link) mit 118.000 Fans. Deripaska habe eine "umfassende politische Diagnose" gestellt: "Erstmals benannte ein Vertreter der alten Wirtschaftselite so offen die Sackgasse, in die Wladimir Putin das Land geführt hat. Deripaskas Gedanken sind von der Erkenntnis geprägt, dass 'Stabilität' letztlich zum Stillstand geworden ist."
"Russland ist fatal langsam"
Dabei ist Deripaska keineswegs der einzige russische Unternehmer, der schwarz sieht. Drohnen-Produzent Alexei Tschadajew schlug ebenfalls Alarm (externer Link): "Unser Land wirkt in diesem Krieg, der unter atemberaubend schnellen technologischen Entwicklungen tobt, wie ein Elch, der sich auf eine Autobahn verirrt. Die Reaktionsschnelligkeit seines Zentralnervensystems reicht nicht, einen Zusammenstoß mit einem 200 km/h schnellen Fahrzeug zu vermeiden. Er wird nicht einmal Zeit haben, zu sehen, was kommt, geschweige denn auszuweichen. Wir sind in diesem Krieg inakzeptabel, unerträglich, fatal langsam."
In einer "Prognose" kündigte Tschadajew "weitere Rückschläge" an, womöglich provoziere sie Russland derzeit sogar: "Ein paar Flüche fallen natürlich auch, aber so ist es eben immer bei uns."
"Destabilisierung von innen"
Politologe Michail Winogradow meinte dazu (externer Link), die einen würden dem kremlnahen Unternehmer wohl "gespielte Empörung" vorwerfen, andere eher vermuten, dass er "wegen seiner Ohnmacht" wirklich wütend sei. Ein "Musterschüler" des Kremls sei der Mann jedenfalls nicht.
Die "Zwei Majore", die einen der reichweitenstärksten Militärblogs betreiben (1,18 Millionen Fans) sprechen angesichts der mehrfachen Oligarchen-Kritik von einer "Destabilisierung": "Wir haben bereits den beunruhigenden Begriff der 'sechsten Kolonne' erwähnt, der Verräter bezeichnet, die sich geschickt als Ultrapatrioten tarnen und unter falschen Vorwänden dem Land schaden."
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