"Wenn die 'Elite' gezwungen ist, tief in die Tasche zu greifen, dann müssen auch die 'Normalbürger' mitmachen. Andernfalls werden sich die Mächtigen persönlich beleidigt fühlen", spottete Politologe Andrei Nikulin [externer Link] über angeblich freiwillige Unternehmer-Spenden für Putins Angriffskrieg auf die Ukraine: "Ich bin mir nicht sicher, ob wir die sowjetische Tradition wiederbeleben sollten, einen Teil der Gehälter in Staatsanleihen auszuzahlen; schließlich sind wir noch nicht ganz so weit."
Allerdings sei schon klar, wie der Kreml im Fall des Falles argumentieren werde, so das ironische Fazit: "Der Staat schützt das Geld nur mit seinen Garantien und sicheren Zinsen. Und es wird eines Tages in Hülle und Fülle zurückkehren, nämlich nach der endgültigen und vollständigen Wiederherstellung von Stabilität und Spiritualität."
Andere russische Polit-Blogger fühlten sich bei Putins jüngstem Treffen mit Oligarchen an Schutzgelderpressungen von Mafiabossen erinnert [externer Link]: "Vernünftige Unternehmer kapieren nicht, warum sie Milliarden in Ruinen investieren sollen."
"Einfach ihre Pflicht"
Russische Medien hatten gemeldet, bei einem Treffen mit Putin hätten Oligarchen Milliarden-Beträge für den Krieg in Aussicht gestellt. In den vergangenen Wochen war immer wieder von den Haushaltslöchern wegen der Rüstungsausgaben die Rede gewesen. Experten stritten sich, wie lange Putin seinen Krieg noch finanzieren kann. Meldungen, wonach die Russen aus Misstrauen gegenüber den Banken immer höhere Bargeldbeträge von ihren Konten abheben, trugen ebenfalls zur Verunsicherung bei [externer Link].
Kremlsprecher Dmitri Peskow versicherte gegenüber der regierungseigenen Nachrichtenagentur TASS allerdings [externer Link], Putin habe von den Unternehmern nichts gefordert: "Einer der Teilnehmer sagte, es sei absolut seine Idee gewesen. Es war nicht die Initiative von Präsident Putin. Obwohl das Staatsoberhaupt eine solche Initiative natürlich begrüßte."
Viele der anwesenden Firmenbosse hätten ihr Vermögen allerdings in den neunziger Jahren mit früherem Staatseigentum gemacht und sähen es somit "einfach als ihre Pflicht" an, jetzt mit Zuschüssen für den Krieg auszuhelfen. Im Übrigen sei das Treffen "aus gutem Grund nicht-öffentlich" gewesen, um "keine Einzelheiten" durchsickern zu lassen.
"Putin will die Wahrheit vertreten"
Dagegen hatte das kremlkritische Portal "The Bell" zuvor gemeldet [externer Link], Putin habe die Unternehmer darauf eingeschworen, den Kampf fortzusetzen und der Chef des Rosneft-Ölkonzerns und Putin-Vertraute Igor Setschin habe angeregt, die russische Wirtschaft müsse "in dieser schwierigen Zeit für das Land" aufwachen und sich finanziell engagieren.
Infotafel
Kolumnist Andrei Kolesnikow wunderte sich im Wirtschaftsblatt "Kommersant" [externer Link], dass Putin gegenüber den Managern abermals behauptete, Russland sei zum Krieg "gezwungen" gewesen. Der Präsident hatte die "vertrauensvolle Zusammenarbeit" zwischen Wirtschaft und Staat als "besonders wichtig" bezeichnet [externer Link].
Dazu Kolesnikow: "Es ist überraschend, dass Wladimir Putin es immer noch für nötig hält, zu erklären, warum die Spezialoperation in der Ukraine 2014 begann. Irgendetwas an dieser Geschichte lässt ihn nicht los. Er will die unumstößliche Wahrheit vertreten und beharrt weiterhin darauf, seine Version in den Köpfen (und Herzen) der Menschen zu verankern."
"Geben wir es ihm auf freundliche Art"
Der kremlkritische Politologe Andrei Kalitin reagierte mit einem Zitat [externer Link] aus der Satire "Der Revisor" von Nikolai Gogol (1809 - 1852), wo es um eine korrupte Kleinstadtgesellschaft geht, die einen vermeintlichen Kontrolleur aus St. Petersburg bestechen will. Der Bürgermeister des Orts empfiehlt: "Wir müssen sicherstellen, dass er mit allem zufrieden ist. Wir müssen ihm ein Bestechungsgeld geben, aber es darf nicht auffallen. Geben wir es ihm jeder auf freundliche Art und Weise, als ob wir ihm das Geld nur leihen."
"Jeder kann 'ausländischer Agent' werden"
Russische Leser reagierten wie oft sarkastisch auf den Vorfall: "Wie die letzten Jahre gezeigt haben, kann jeder bedeutende Geschäftsmann plötzlich zum 'ausländischen Agenten' werden, womit sein Vermögen an diejenigen übergeben wird, die dem Staat finanziell aushelfen. Angeblich sucht die erwähnte Person [Putin] stets nach solchen Personen", schrieb einer der Kommentatoren [externer Link]. Ein weiterer scherzte, es gehe ja gar nicht um "Spenden", sondern um "Investitionen".
"Wir hören das Seufzen bei den Häppchen mit schwarzem Kaviar", war zu lesen, oder auch: "Jeder weiß, dass am Ende nicht die Unternehmer, sondern wir die Zeche zahlen."
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