Schon morgens um halb sechs checkt der russische Präsident den aktuellen Ölpreis, wie er kürzlich Unternehmenschefs aus der Energiebranche verriet (externer Link). Kein Wunder, hofft Putin durch den Krieg im Nahen Osten doch auf eine "neue, stabile Preisgestaltung" bei Öl und Gas, wie er es ausdrückte. Er hat "zusätzliche Exporterlöse" im Auge, um Russlands Haushaltsprobleme wegen der enormen Kriegskosten besser in den Griff zu bekommen: "Die aktuelle Marktlage ermöglicht es uns, auf Märkten mit erhöhter Nachfrage Fuß zu fassen."
Doch wie die Nachrichtenagentur Reuters meldete (externer Link), sind ausgerechnet jetzt Russlands Möglichkeiten zur Öl- und Gasausfuhr stark eingeschränkt. Rund vierzig Prozent der Kapazität seien durch ukrainische Angriffe auf Pipelines, Pumpstationen und Verladehäfen blockiert. Speziell Drohnen-Attacken auf die Region St. Petersburg sorgen bei russischen Beobachtern für Wut und Rachegedanken: In den schwer verwüsteten Verladestationen Ust-Luga und Primorsk wurden bisher große Ölmengen über die Ostsee verschifft.
"Die Ostseeroute ist nahezu lahmgelegt, die Schwarzmeerroute nur noch sporadisch befahrbar, und die Gasexporte sind unterbrochen", so Blogger Igor Dimitriew (externer Link).
"Tritt mit Nagelstiefeln"
Russische Militärblogger sind darüber so entsetzt, dass Publizist Alexander Chodakowski schon um die politische Statik fürchtet (externer Link): "Die Lage spitzt sich zu, und es scheint, als spiele es keine Rolle mehr, wie man sich ausdrückt. Das zeugt von der Zeit und unseren angespannten Nerven. Man kann diejenigen verstehen, die wegen unserer Niederlagen verbittert sind und ihre Emotionen nicht im Zaum halten, aber wir sollten dabei bedenken, dass es auch um Stabilität geht. Wir brauchen mehr Mäßigung und Abstand, um unser Boot vor dem Kentern zu bewahren."
Damit zielt Chodakowski auf Propagandisten wie den Fernsehberichterstatter Alexander Sladkow. Der hatte nach ukrainischen Angriffen auf die Ostsee-Häfen gewettert (externer Link): "Wir haben wieder einen Tritt in die Eier mit Nagelstiefeln kassiert." Sladkow machte sich darüber lustig, dass der Kreml neuerdings von der Wirtschaft erwartet, ihre Infrastruktur von privaten Sicherheitsfirmen vor Luftangriffen schützen zu lassen: "Was ist das für ein raffinierter Plan, der unsere Unternehmen wie Fliegen mit einer Klatsche zerschlägt?"
Es sei "zunehmend schwieriger, über das Vorgehen der russischen Regierung zu sprechen, ohne Tabuwörter zu verwenden", heißt es bei einem anderen Blogger sarkastisch (externer Link). Putins Tankstelle brenne "an beiden Enden", so ein weiterer Kommentar.
"Wo ist unsere Luftverteidigung?"
Juri Kotenok (323.000 Fans) machte sich über "alte Männer mit Maschinengewehren" lustig (externer Link), die im Auftrag von Sicherheitsfirmen Betriebsgelände schützten: "Insgesamt klingt die Frage einfach und banal: Wo ist unsere Luftverteidigung? Wo ist das alles? Wenn es nie existierte, wenn es nicht mehr existierte, verzeihen Sie mir, wenn alles verpfuscht wurde, warum wurde es dann noch nicht wiederhergestellt?“
Infotafel
Ein weiterer anonymer Kommentator schrieb [externer Link]: "Die Situation zeigt, dass die Strategie massiver Luftangriffe mit billigen Drohnen teuren stationären Luftverteidigungssystemen de facto überlegen ist. Das zwingt die Industrie, in einem permanenten Risikozustand zu produzieren, und den Staat, anzuerkennen, dass es keine Sicherheitszonen für strategische Anlagen auf dem europäischen Territorium des Landes mehr gibt."
"Wie sollen wir das alles verstehen?"
Während Beobachter wie Boris Roschin (776.000 Fans) argumentieren [externer Link], die ukrainischen Drohnen Richtung St. Petersburg flögen nicht über das Baltikum, also NATO-Gebiet, weil diese Route zu lang sei, glaubt Blogger Alexei Schiwow ans genaue Gegenteil [externer Link]: "Je länger wir das 'ignorieren', desto dreister wird der Feind."
Politologe Juri Baranschik spricht sogar von einer "zweiten Front", die der Westen im Baltikum eröffnet habe [externer Link]: "Anstatt nach Westen vorzurücken, dringt der Krieg immer tiefer in russisches Gebiet ein. Wie sollen wir das alles verstehen? Halten wir weiterhin an stillschweigenden Abmachungen fest, die uns schaden? Oder was? Ich persönlich habe keine Antworten auf diese Fragen."
Fazit des Publizisten Oleg Sarow [externer Link]: "Schade, dass wir die steigenden Ölpreise nicht voll ausnutzen können. Ich frage mich, wie lange die Reparatur der Terminals dauern wird."
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