Mit den Songs über Wal Timmy, die aktuell die Digitalplattformen fluten, könnte man schon jetzt mehrere Alben füllen. "Hope, wir bleiben laut, für Wahrheit, für Gerechtigkeit", heißt es zum Beispiel in "Hope: Ein Seil um ein Leben". "Er hat sich das nicht ausgesucht, nicht das Leid, nicht diesen Ort, und ihr steht da und redet", singt die virtuelle KI-Künstlerin im wohl berühmtesten Timmy-Hit: "Er hat sich das nicht ausgesucht".
Die Unmengen an KI-generierten Songs, die die Digitalplattformen aktuell fluten, lassen den Wal Hope (zu Deutsch: Hoffnung), wie ihn manche auch nennen, also im kulturellen Gedächtnis weiterschwimmen.
Musikwissenschaftler erklärt Timmy-Song-Hype
Dass solche nahezu vollständig KI-generierten Wal-Songs so häufig auftauchen, wundert den Kabarettisten und Musikwissenschaftler Markus Henrik, besser bekannt als Dr. Pop, nicht. "Meistens entstehen diese Lieder in drei bis vier Minuten", sagt er. "Man gibt ein paar Prompts ein, sagt der KI, in welche Richtung der Song gehen soll, und am Ende spuckt die KI einen Song aus, der eine Kopie ist." Das Problem laut Dr. Pop: Künstliche Intelligenz (KI) greift immer nur auf bereits Bestehendes zurück: Sie covert im Grunde nur Hits, ohne dass die Urheber dafür bezahlt werden.
Künstliche Intelligenz imitiert nur bereits Dagewesenes
So sei das auch beim berühmtesten Wal-Hit "Er hat sich das nicht ausgesucht". Wer da genauer hinhöre, könne eine Ähnlichkeit zu "Wrecking Ball" von Miley Cyrus bemerken. "Aber da gefällt mir das Original deutlich besser", sagt Markus Henrik. Der Musikwissenschaftler warnt vor einer gefährlichen Entwicklung im Musikgeschäft, die nicht nur die Timmy-Songs betrifft.
Insgesamt schwimmen mittlerweile über hundert Millionen KI-generierte Songs auf den Streaming-Plattformen herum. Bei der Plattform Deezer ist aktuell schon jeder zweite neu hochgeladene Song von KI geschrieben. Dabei habe KI niemals Liebeskummer gehabt, habe nie Probleme mit den Eltern zu Hause gehabt, kopiere nur Dinge, die Menschen schon geschrieben haben, sagt Dr. Pop. Sein Fazit: "Das finde ich wirklich problematisch. Ich möchte Musik hören, die Menschen gemacht haben."
Der AI-Slop auf Social Media hat Folgen für die Psyche
Bei den Timmy-Songs sind auch die dazugehörigen Musikvideos auf Social Media mit künstlicher Intelligenz animiert. Das betrifft immer mehr virale Kurzvideos auf den Digitalplattformen. Auf TikTok ist Schätzungen zufolge mittlerweile jedes vierte Reel KI-generiert.
Dieser AI-Slop, also KI-Müll, sagt Verhaltenstherapeutin und Mental-Health-Expertin Nora Dietrich, ist dabei immer so gestaltet, dass wir auf der Plattform bleiben und weiter "doomscrollen", also endlos durch den Feed scrollen. Die Handy-Sucht, die dadurch entsteht – sie hat laut Nora Dietrich schon jetzt spürbare Folgen. Die Therapeutin beobachtet, dass die Aufmerksamkeitsspanne ihrer Patienten sinkt. "Auch die kritische Reflexionsfähigkeit sinkt durch das Nutzen von KI", sagt Dietrich. Man könne sich selbst eigene Inhalte nicht mehr merken, weil sie durch KI-Nutzung fremder würden. Das ständige Scrollen mache die Inhalte zudem austauschbar.
Erfolgreichster Timmy-Song wurde von Menschen geschrieben
Ein bisschen Hope gibt es aber doch noch: Weil manche Wal-Hymnen auch noch von echten Menschen gesungen und geschrieben werden. "Wenn man Timmy einfach sprengt, wär das kosteneffizient, so viel Ärger um ein Fischstäbchen", singt die Band Tulpe in ihrem Timmy-Song "Sprengt den Wal".
Und dieser echte Song von einer echten Band ist erfolgreicher als der AI-Slop. "Sprengt den Wal" hat bei Spotify "Er hat sich das nicht ausgesucht" in Sachen Klicks schon jetzt überholt.
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