Es ist mittlerweile fast 18 Jahre her, als ganz Fußball-Deutschland über eine Wade diskutierte. Die DFB-Elf war gerade ins Finale der EM 2008 eingezogen und plötzlich zwickte es ausgerechnet in dem Musculus Gastrocnemius, den man gemeinhin als Wade bezeichnet - von dem Mann, den man gemeinhin als "Capitano" bezeichnete. "Die medizinische Abteilung arbeitet Tag und Nacht, um die Verhärtung und die Entzündung in seiner Wade zu heilen, es besteht aber nur eine kleine Chance, dass er spielen kann", erklärte damals der Bundestrainer Joachim Löw.
Der Wadenmuskel ist ein äußerst zimperlicher Muskel, der - einmal gereizt - immer wieder Zicken macht. So war es auch bei Ballack, der auch schon vor der WM 2006 mit Wadenproblemen die Nation in Atem hielt und dasselbe vor dem EM-Finale 2008 machte.
"Macht keinen Sinn" - Nagelsmann erklärt Neuer-Ausfall
Nun steht die WM 2026 an und Deutschland beschäftigt sich wieder einmal mit einer Wade. Diesmal ist es die von Manuel Neuer. "Wir haben im Trainerteam entschieden, dass er noch nicht spielen wird. Es macht keinen Sinn, da jetzt unnötig das Spiel zu machen. Wir wollen einfach da noch Ruhe dranlassen. Die Entscheidung haben wir ihm auch mitgeteilt, er ist damit völlig d'accord", sagte Bundestrainer Julian Nagelsmann zum Start der Vorbereitung auf die WM (11. Juni bis 19. Juli) am Mittwoch in Herzogenaurach.
Der 40 Jahre alte Torhüter, der nicht ohne Kontroversen doch noch einmal als Nummer eins für das Turnier in den USA, Mexiko und Kanada nominiert wurde, nachdem er eigentlich 2024 aus dem DFB-Team zurückgetreten war, muss also sein großes Comeback erst einmal verschieben. Was genau an Neuers Wade zwickt, ist nicht ganz klar kommuniziert. Klar ist: Die "muskulären Probleme", wegen denen er beim Bundesliga-Finale gegen Köln ausgewechselt wurde und das DFB-Pokal-Finale verpasste, hindern ihn nun an der Teilnahme am Testspiel gegen Finnland (Sonntag, 31.5., ab 20.45 Uhr live in der Radioreportage bei BR24Sport) - und, interpretiert man die Aussagen von Julian Nagelsmann wörtlich, auch am Training.
Befeuert der Baumann-Einsatz die Neuer-Debatte?
"Wenn man ihn fragt, wird er sich immer reinstellen. Aber ich versuche, einen bisschen weiteren Blick zu haben. Ich glaube, es ist gut, wenn ein bisschen Luft drankommt. Wenn er ins Training einsteigt, wenn alles perfekt ist. Aber Sorgen muss man sich keine machen", so der Bundestrainer, der ein Ziel ausgibt: "Wir wollen ihn in der Gruppenphase maximal fit haben."
Doch so entspannt Nagelsmann sich gibt, so wäre ihm ein früherer Einsatz seiner neuen, alten Nummer 1 doch deutlich besser gelegen gekommen. Durch einen guten Auftritt Neuers wären die Diskussionen um die Degradierung Oliver Baumanns abgeebbt, anstatt dass sie nun durch eine starke Leistung der neuen Nummer 2 womöglich neue Nahrung zu erhalten.
Im Video: BR24-Sportreporter Bernd Schmelzer: Manuel Neuer "wird Dauerthema bleiben".
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Nagelsmann verteidigt Neuer-Nominierung
Und auch sonst bereitet diese Wadenverletzung des ewigen Neuer Sorgen. Denn seit seinem schweren Sturz bei einer Skiwanderung im Dezember 2022, bei dem er sich Schien- und Wadenbein brach, sind größere und kleinere Verletzungen an diesem so sensiblen Muskel ein ständiger Begleiter. Erst im Februar hatte ein Faserriss in seiner Wade den FC-Bayern-Torhüter zu einer Pause gezwungen. 25 Spiele verpasste der 40-Jährige seit 2024 wegen Muskelverletzungen.
Wann Neuer wieder im DFB-Dress aufläuft, ist ungewiss. Auch ein Ausfall beim letzten Testspiel gegen die USA am 6. Juni in Chicago ist möglich. Grundsätzlich sei Nagelsmann aber froh, dass Rio-Weltmeister Neuer wieder im DFB-Kreis dabei ist "und uns hilft". Denn mit dem Münchner, betonte der Bundestrainer, "sind wir besser als ohne Manu."
Plant Nagelsmann das nächste große Comeback?
Bei Michael Ballack waren die Bemühungen der medizinischen Abteilung, die "Tag und Nacht" an der Wade der Nation gearbeitet hatte, erfolgreich. Ballack stand beim EM-Finale gegen Spanien (0:1) über 90 Minuten auf dem Platz. Teamarzt war damals der "Muskelflüsterer" Doktor Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Der trat übrigens 2018 von seiner Funktion als Mannschaftsarzt des DFB-Teams zurück.
Darüber zu spekulieren, ob Julian Nagelsmann angesichts der Rückkehr der "Wade der Nation" nun über das nächste spektakuläre Comeback nachdenkt und Müller-Wohlfahrt mit zur WM nimmt, wäre dann wohl doch ein wenig unseriös. Schließlich ist der Arzt mit 83 Jahren mehr als doppelt so alt wie der Besitzer der "Wade der Nation 2.0".
Im Video: Julian Nagelsmann über die Rückkehr von Manuel Neuer
Julian Nagelsmann
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