Eine Frau sitzt vor einem großen Stimmzettel zu einer Gemeinderatswahl mit vielen Kandidaten.
Bildrechte: picture alliance / Fotostand | K. Schmitt

Bei der Kommunalwahl können Bayern ihre Stimmen an mehrere Kandidaten verteilen. Dabei gibt es Regeln, sonst wird die Stimme ungültig. (Symbol)

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Bayerns Kommunalwahlrecht: Flexibilität trifft Fehlerteufel

Bei den Stadtrats- und Gemeinderatswahlen konnten die Bayern bis zu 80 Kreuze setzen. Wer die Möglichkeiten voll ausschöpfte, konnte leicht den Überblick verlieren. Was denkt Ihr: Ist das Wahlsystem superdemokratisch oder wählerfeindlich?

Über dieses Thema berichtet: BR24 Radio am .

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Wählen ist nicht gleich Wählen. Bei der Bundestagswahl können Bürgerinnen und Bürger nur zwei Kreuze machen und bekommen starre Parteienlisten vorgesetzt. Bei der bayerischen Kommunalwahl können bis zu 80 Kreuze – so bei der Stadtratswahl in München – vergeben werden: Dabei können einzelne Kandidaten bis zu drei Stimmen bekommen. Das nennt man Kumulieren. Auch können Kandidaten von mehreren Listen gewählt werden: In der Fachsprache heißt das Panaschieren. Bei teils riesigen Stimmzetteln mit mehreren hundert wählbaren Personen kann man da schon mal den Überblick verlieren.

Mehrere Kreuze, mehr ungültige Stimmen?

Führt dieses vergleichsweise komplexe System zu mehr ungültigen Stimmen? Bei BR24 tauchte so mancher Kommentar zu dieser Problematik auf. So schrieb etwa der Nutzer "Karl_Toffel" am Tag der Wahl: "Ich wünsche denen, die heute noch direkt an den Wahlurnen wählen, gute Nerven und einen hoffentlich nicht zu hohen Blutdruck beim Kampf mit den 'riesigen' Stimmzetteln. Passt auf, dass ihr euch nicht verzählt bei den zahlreichen Stimmen, die zu verteilen sind, damit net der Stimmzettel ungültig wird. (...)"

Jeder Wähler darf so viele Stimmen abgeben, wie Sitze zu vergeben sind. Das fängt bei acht Stimmen in kleineren Gemeinden an und steigert sich bis zu 80 Stimmen in München.

"Wähler gewinnen mehr Kontrolle"

Das Wahlsystem, etwa bei Stadtrats- oder Gemeinderatswahlen im Zuge der Kommunalwahl in Bayern, sei anspruchsvoller als bei anderen Wahlen, sagt Arndt Leininger, Juniorprofessor für Politikwissenschaftliche Forschungsmethoden an der Technischen Universität Chemnitz, im BR24-Gespräch. Doch: Das System habe auch seine Vorteile. "Die Wähler gewinnen mehr Kontrolle dadurch, dass sie die Zusammensetzung selbst bestimmen können", so Leininger.

Wenn man einzelne Kandidaten, aus welchen Gründen auch immer, nicht wählen möchte, müsse man so nicht automatisch eine andere Partei wählen, sondern könne gezielt andere Kandidaten seiner favorisierten Partei wählen oder unliebsame streichen, erklärt Leininger. Das gibt dem Bürger mehr Flexibilität und Mitbestimmungsrechte.

Natürlich könnten beim Kumulieren und Panaschieren mehr Fehler passieren, als wenn man nur ein Kreuz setzt. "Diesem Problem kann man aber auch bei einer Stadtratswahl aus dem Weg gehen, indem man seine Stimmen nicht verteilt, sondern einfach nur eine Partei ankreuzt", sagt Leininger. Was er meint: Niemand müsse seine Stimmen verteilen, niemand müsse kumulieren oder panaschieren.

💡Wichtig an dieser Stelle für die teilweise noch anstehenden Stichwahlen um die Landrats- und Bürgermeisterposten: Dort hat jede Wählerin und jeder Wähler nur eine Stimme.

Ungültige Stimmen bei der Kommunalwahl 2026 in Bayern

Ein Blick in die Statistik legt nahe: Wo mehr Stimmen vergeben werden können, steigt die Fehleranfälligkeit. Eine Sprecherin des Bayerischen Landesamts für Statistik in Fürth teilte mit Bezug auf die vorliegenden Schnellmeldungsergebnisse mit, es habe bei den Oberbürgermeisterwahlen in den kreisfreien Städten 0,6 Prozent ungültige Stimmen gegeben. Bei den Wahlen der Stadträte sind in denselben Städten hingegen 2,5 Prozent der Stimmen ungültig gewesen.

Ähnlich sieht es in den Landkreisen aus. Während bei der Wahl der Landräte 1,2 Prozent der Stimmzettel ungültig waren, sind es bei den Kreistagen 3,3 Prozent gewesen. In beiden Fällen zeigt sich also: Bei Wahlsystemen mit mehreren Kreuzen war die Zahl der ungültigen Stimmen höher.

Zu bedenken gilt: Es gibt verschiedene Gründe, warum ein Stimmzettel ungültig wird. Die genauen Ursachen lassen sich aus den Zahlen nicht ablesen.

Diskutiert mit: Größere Wahlmöglichkeit oder mehr gültige Stimmen?

Absolut betrachtet sei der Anteil ungültiger Stimmen gering, sagt Leininger. Dennoch seien die Unterschiede deutlich. Der Gesetzgeber müsse hier abwägen, was für ihn wichtiger sei: die größere Wahlmöglichkeit für jeden einzelnen Wähler oder der größere Anteil an Wählern, deren Stimme auch tatsächlich ins Wahlergebnis einfließt.

"Die Einfachheit eines Wahlsystems ist ein Legitimitätskriterium", sagt Danny Schindler, Direktor des Instituts für Parlamentarismusforschung. Mit der Komplexität eines Wahlsystems steige immer die Anfälligkeit für Fehler. Für Wählerinnen und Wähler sollten Wahlsysteme daher möglichst einfach sein. Man müsse immer gut abwägen, ob es sinnvoll ist, Wahlen komplexer zu gestalten oder nicht.

💬 Was findet Ihr wichtiger: dass Wähler ihre Stimmen besser verteilen können oder dass möglichst viele gültige Stimmen abgegeben werden? Schreibt es uns unten in die Kommentare! 💬 

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