"Einmal Bad Füssing, immer Bad Füssing", sagt Leni Gehrlein. Nach dem Tod ihres Mannes hat die heute 85-Jährige im Haslinger Hof, einem bekannten Tanzlokal in der niederbayerischen Gemeinde, einen neuen Partner kennengelernt. Der von vielen genannte "Flirtladen Niederbayerns" ist Treffpunkt vieler Singles.
Viele kamen einst als Kurgäste und blieben. "Ich habe hier Urlaub gemacht und mich in Bad Füssing verliebt", erzählt eine Frau beim Tanztee im Seniorenheim. Man könne viel zu Fuß machen, radeln, man sei schnell in den Bergen. Eine andere Seniorin ergänzt: "Der Ort ist eine grüne Lunge – überall grün!"
Video: Wie lebt es sich im ältesten Ort Deutschlands?
Kurort für Alte und Lebensort für Junge zugleich? Die BR24-vor-Ort-Reportage
Bayerns demografischer Wandel
Bad Füssing im niederbayerischen Landkreis Passau ist bekannt für seine heißen Quellen – und viele ältere Leute. Nach Prognosen der BertelsmannStiftung wird der Ort bis 2030 die älteste Kommune Deutschlands sein: Jeder zweite Einwohner soll dann mindestens 63 Jahre alt sein.
Der Kurort ist damit Extremfall und Vorbote zugleich. Ganz Bayern altert: 2043 sollen die über 67-Jährigen 22,8 Prozent der Bevölkerung ausmachen, während die Zahl der 20‑ bis 64‑Jährigen leicht sinkt, so die Berechnungen des Bayerischen Landesamts für Statistik. In vielen ländlichen Regionen gleichen Zuzüge die Sterberate nicht aus. Das bedeutet: weniger Kinder, Schulplätze und Arbeitskräfte – und ein steigender Bedarf an Pflegeeinrichtungen.
Wo sind die Jungen?
Um junge Bad Füssinger zu finden, muss man in die Ortsteile fahren, etwa nach Würding. Hier lebt Familie Meier mit zwei Kindern. Beim Hausbau musste sie kurbedingte Lärmschutzvorschriften beachten: Ruhe zwischen 13 und 15 Uhr. Schnell kann es Beschwerden geben, wenn der Rollator etwa vorm Haus nicht vorbeikommt. "Gelassenheit braucht man hier", sagt Christoph Meier.
Wegen des starken Zuzugs ist der Baugrund teuer: bis zu 500 Euro pro Quadratmeter im Zentrum von Bad Füssing, der höchste Preis im Landkreis. In den Ortsteilen ist es günstiger, aber immer noch mehr als in Nachbargemeinden. Damit junge Familien bleiben, vergibt die Gemeinde Baugrund bevorzugt an Einheimische.
Dennoch profitieren Familien: Spielplätze sind modern und gut gepflegt, die Gemeinde ist in der Lage, ihre Sportvereine finanziell großzügig zu unterstützen – dank hoher touristischer Steuereinnahmen. Bad Füssing verzeichnet die drittmeisten Übernachtungen in Bayern, nach München und Nürnberg.
Junges Leben in den Vereinen
Gemeindejugendpflegerin Paula Popp versucht seit 2025, einen Jugendtreff im Ortskern zu etablieren. Ein Raum im Pfarrheim ist vorhanden, doch bisher fehlen Besucher. Jugendliche fühlten sich oft "belächelt" oder "abgeschoben", sagt sie.
Dafür engagieren sich viele in Vereinen: Es gibt neue Kinderfeuerwehren, Trachtenvereine, besondere Sportangebote wie Aikido. "Running Gag bei uns: Was wollen wir hier im Rentnerort?", sagt die 18-jährige Sonja Roidner, aktiv im Trachtenverein, Chor und Theater. Doch kleine Alltagskonflikte bleiben, erzählen andere Jugendliche. Etwa langsame Autofahrer oder ältere Menschen, die an der Supermarktkasse Cent-Münzen zählen.
Labor des Wandels
Eines teilen Alt und Jung: Einsamkeit. Sie betrifft Senioren im Heim ebenso wie junge Menschen, die sich nicht gehört fühlen oder neu im Ort sind. Die Gemeinde plant daher eine Begegnungsstätte, in der Generationen zusammenkommen – und etwa gemeinsam kochen. "Da fällt es leichter, über schwere Themen zu sprechen", sagt die Jugendbeauftragte Popp.
Bad Füssing ist für Bayern ein Labor des demografischen Wandels. Hier zeigen sich Herausforderungen wie passgenaue Jugendangebote, Einsamkeit und altersgerechte Infrastruktur früher als anderswo. Gelingt es der Gemeinde, daraus Lösungen zu entwickeln, können andere Regionen davon lernen – denn die Überalterung ist überall Thema.
Bad Füssings Bürgermeister Tobias Kurz [externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt] – bei Amtsantritt 2020 erst 28 Jahre alt – versucht, nicht nur den Alten, sondern auch den Jungen gerecht zu werden. Er brachte Konzerte in den Ort, ließ Jugendliche befragen, richtete Beauftragte und einen Treffpunkt ein. Ein Jugendbeirat scheiterte wegen zu geringem Interesse. Nun soll der Bürgerpark-Spielplatz erweitert werden, mit Wasserspielen und Sportgeräten.
Auch die Tourismusbranche startet viele Aktionen für alle Generationen und besonders junge Menschen – etwa der Johannesbad Thermen-Marathon, die vier jährlichen Kindertage in der Therme1 oder der Winterzauber mit Kunsteislaufbahn auf dem Kurplatz.
Red. Anmerkung: Der letzte Absatz wurde nachträglich ergänzt.
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