Soldaten knien neben einer Puppe. Mit deren Hilfe üben sie, einen Menschen zu reanimieren.
Bildrechte: Kilian Neuwert/BR

Reanimationstraining für angehende Einsatzsanitäter der Bundeswehr an der Sanitätsakademie in München.

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Sanitätsakademie: Wo Soldaten Leben retten lernen

Die Sanitätsakademie der Bundeswehr in München ist die wichtigste Ausbildungseinrichtung des Sanitätsdienstes. Auch der muss umdenken, um seinen Teil zur Verteidigungsbereitschaft beizutragen. BR24 hat Einblicke in die Ausbildung bekommen.

Über dieses Thema berichtet: Abendschau am .

David und Sebastian müssen draußen warten: Die beiden Obergefreiten stehen auf einem Flur. Die Hände in medizinischen Schutzhandschuhen, den Notfallrucksack mit Verbandsmaterial auf dem Rücken. Gleich wird eine Tür vor ihnen aufgehen – was sie dann erwartet, können sie nur erahnen. Ein Schwächeanfall könne es sein, aber auch ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall, sagt David.

Für Sebastian fühlt es sich an, als würde er ins kalte Wasser geworfen. Aber das sei "der richtige Weg". Hinter der Tür sitzt unterdessen ihre Kameradin Candice auf einem Stuhl. Sie bekommt Anweisungen von einem Ausbilder: Schmerzen in der Brust solle sie schildern, vor allem links. Dann geht die Tür auf für David und Sebastian.

Auf Bitten der Bundeswehr hin bleiben wir bei den Vornamen der Soldaten. Sie sind mittendrin in einer Ausbildung für angehende Sanitäter. Während Candice die Patientin mimt, müssen ihre Kameraden zeigen, dass sie Standardverfahren beherrschen. Sie sollen erkennen, dass es sich um einen Herzinfarkt handeln könnte. Kurz: dass die Situation ernst ist.

Sanitäterausbildung in München

Sie sind noch am Anfang ihrer Laufbahn. Alle wollen Unteroffiziere der Sanitätstruppe werden. Candice sagt, sie interessiere sich für Medizin, wolle Verantwortung übernehmen und Menschen helfen. In München besuchen die drei einen Lehrgang an der Sanitätsakademie der Bundeswehr. Er soll sie zu Einsatzsanitätern machen. Im Zivilen entspricht das der Ausbildung zum Rettungssanitäter. Die Qualifikation der Bundeswehr ist außerhalb anerkannt. Dennoch unterscheidet sie sich von zivilen Anforderungen. Schließlich müssen Einsatzsanitäter nicht nur Anzeichen eines Herzinfarktes bei einer Patientin in ihrer Wohnung erkennen können, sie müssen auch in der Lage sein, verwundete Kameraden zu versorgen.

Sanitätsdienst wichtig für Abschreckung

Solche Fähigkeiten sind zentral. Auch der Sanitätsdienst der Bundeswehr muss umdenken, um seinen Beitrag zu einer verteidigungsbereiten Armee zu leisten, sagt Generalstabsarzt Hans-Ulrich Holtherm. "Wir wollen ja nicht Krieg führen. Wir wollen glaubhafte Abschreckung erzeugen. Und Abschreckung ist nur dann glaubhaft, wenn wir nicht nur Waffen haben, die einen Gegner abschrecken, sondern auch, wenn wir unser Gesundheitssystem, insbesondere den Sanitätsdienst, so resilient machen, dass ein möglicher Gegner sieht, die meinen es wirklich ernst. Die denken das ganze Szenar bis zum Ende."

Holtherm ist der Kommandeur der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München, militärisch als SanAk abgekürzt. Jeder länger dienende Sanitätssoldat aus ganz Deutschland ist hier mindestens einmal in seiner Dienstzeit. Für sie alle ist die SanAk die zentrale und wichtigste Ausbildungseinrichtung, an der verschiedenste Lehrgänge stattfinden. Rund 5.000 Teilnehmer kommen Jahr für Jahr. Etwa 500 Männer und Frauen gehören zum Stammpersonal der Akademie. Sie bilden aus oder forschen in hochgradig spezialisierten Labors. Dass der Kremlkritiker Alexej Nawalny mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet wurde, fanden die Spezialisten der SanAk heraus.

Lehren aus dem Ukraine-Krieg

Bei all dem ist die Akademie ein Ort, an dem auch das Kriegsgeschehen in der Ukraine genau beobachtet wird, um daraus Schlüsse zu ziehen. Wo Drohnen kreisen, und wo Sanitätseinrichtungen angegriffen werden, sind alte Einsatzgrundsätze hinfällig. Soldaten sind häufig auf sich gestellt, wenn sie Verwundete versorgen müssen. In der Ausbildung an der SanAk spiegeln sich solche Erkenntnisse wieder. Holtherm spricht von "Prolonged Fieldcare", der "Notwendigkeit, Patienten sehr lange auch ohne ärztliche Unterstützung zu versorgen, bis sie dann in spezialärztlicher Behandlung sind".

Trainiert werde aber im sicheren Rahmen: Mit Darstellern oder Simulationspuppen, räumt der Generalstabsarzt ein. Das sei kein Vergleich zu einer Situation, in der ein Schwerstverwundeter versorgt werden müsse. Mitgeben wollen die Ausbilder Lehrgangsteilnehmern deshalb "die Sicherheit, handlungssicher und kompetent zu sein, wenn es dazu käme", sagt der Kommandeur. Auch psychisches Resilienz-Training gehört deshalb zum Lehrplan.

Hörsaal nur erster Schritt

Zurück zur Ausbildung der Einsatzsanitäter – zu den Sanitätssoldaten die noch am Anfang ihrer Karriere stehen. Wo es also um Handlungssicherheit bei den Basics geht: Die Anzeichen eines Infarkts haben sie erkannt, der Ausbilder ist soweit zufrieden mit dem Leistungsstand. Bis sie aber Einsatzsanitäter und vielleicht auch mehr werden, dauert es aber noch einige Wochen. Wenn die Grundlagen sitzen, wird es nochmal anspruchsvoller. Denn später wird mit Gefechtshelm, Weste und Waffe trainiert. Draußen. Nicht im Hörsaal.

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