Friedrich Merz guckt nach links und rechts, öffnet den Mund, schließt ihn wieder, sagt nichts, dort am Rednerpult. Alle klatschen, er muss warten. Dieser Applaus gilt nicht ihm. Gerade hat Merz "viele treue Wegbegleiter" aus der Unionsfamilie begrüßt – darunter in aller Kürze die "liebe Angela". Für die Partei ein Special Guest in Stuttgart: Bundeskanzlerin a.D. Angela Merkel. Merz versucht irgendwann weiterzumachen: "Außerdem begrüße ich …" Doch der Applaus für Merkel ebbt trotzdem kaum ab.
Das Motto mahnt: "Verantwortung verpflichtet"
Merz und Merkel verbindet eine lange Geschichte der Abneigung. Nun steht die Wiederwahl des Bundeskanzlers zum CDU-Vorsitzenden an. Wiedergewählt wird er, die Frage dieses Tages ist: mit welchem Ergebnis? Ein Horrorszenario dürfte es für Merz sein, würden ihn die CDU-Mitglieder abstrafen – und das in Anwesenheit der Rivalin Merkel. An den Saalwänden prangt in großen Lettern "Verantwortung verpflichtet", das Parteitagsmotto. Man könnte es auch als Mahnung an die wählenden Mitglieder verstehen.
Trotz Kritik ein Topergebnis
Noch im Vorfeld war nicht nur in Umfragen, sondern auch an verschiedenen Stellen der Partei ein deutlich vernehmbares Grummeln über den Chef zu hören: zu viel versprochen und zu wenig gehalten, etwa bei der immer noch lahmenden Wirtschaft. Zu viel Außenkanzler, zu wenig Beschäftigung mit der Innenpolitik. Am Abend – nach technischen Problemen und mehr als drei Stunden Verzögerung – wird Merz wiedergewählt. Mit 91,17 Prozent der Delegierten. Deutlich besser als das Ergebnis von 2024, als er 89,8 Prozent der Delegiertenstimmen holte.
Im Vorfeld hatte es aus Parteikreisen geheißen, es sei wichtig, besser als Söder abzuschneiden. Der hatte im Dezember mit 83,6 Prozent sein schlechtestes Ergebnis als Parteichef eingefahren. Die Disziplin der CDU scheint jedenfalls intakt, wenn es darauf ankommt. Und in diesem Jahr kommt es darauf an: Fünf wichtige Landtagswahlen stehen an.
"Außenkanzler" als Kompliment
In seiner mehr als 70-minütigen Rede hatten viele mit mehr Parteichef, mehr Innenpolitik und weniger Bundeskanzler gerechnet. Doch Merz bleibt Außenkanzler. In weiten Teilen seiner Rede verortet er Deutschland in einer Welt im Umbruch. Betont die Bedeutung Europas für die deutsche Wirtschaft. Es geht um die Ukraine und Bedrohungen, Zölle, Machtblöcke. Er nehme die Bezeichnung Außenkanzler als Kompliment, sagt Merz. Weil Außenpolitik auch Wirtschaftspolitik sei in diesen Tagen und sich Europa eine deutsche Führung wünsche.
Motivator Merz zeigt sich selbstkritisch
Der zweite Schwerpunkt: Antreiben. Merz sagt, er wolle motivieren: "Deutschland muss zur Höchstform auflaufen. Sonst schaffen wir nicht, was wir uns vornehmen müssen." Wurde bis hier eher sparsam bis höflich geklatscht, nimmt der Applaus bei diesen Sätzen deutlich zu. Der Funke braucht offenbar Zeit, bis er auf die Delegierten überspringt. Seinen Kritikern, die ihn etwa für seine großen Versprechungen kritisieren, entgegnet er selbstkritisch: "Vielleicht haben wir nach dem Regierungswechsel nicht schnell genug deutlich gemacht, dass wir diese gewaltige Reformanstrengung nicht von heute auf morgen schaffen werden."
Merz will Upgrade für die Koalitionsarbeit
Auch mit Blick auf die erstarkende AfD mahnt Merz, CDU und SPD müssten konstruktiver zusammenarbeiten: "Wir müssen heraus aus dem Zustand, dass ein Koalitionspartner Vorschläge macht, die der andere ritualhaft zurückweist. Beide müssen da heraus", sagte er. Innpolitische Konfliktthemen, zum Beispiel die Rente, erwähnt der Kanzler. Aber nur kurz. Viel Applaus gibt es auch für die dauerhafte Absage an eine Zusammenarbeit mit der AfD. Die Junge Union und Generationenkonflikte erwähnt er gar nicht. Eine Leerstelle, die CSU-Chef Markus Söder schließen dürfte, der am Samstag zu den Delegierten sprechen wird.
Merkel klatscht mit
Es ist eine Bundeskanzlerrede, die die großen Linien im Blick hat. Es ist weniger die Rede eines Vorsitzenden, der in seine Partei hineinhorcht und Konflikte bearbeitet. Für die Rede des Kanzlers gibt es trotzdem viel Applaus: Zehn Minuten klatschen die CDU-Mitglieder im Stehen für ihren Vorsitzenden. Und auch die Ex-Bundeskanzlerin applaudiert mit. Ob das ein Zeichen der Versöhnung sein könnte? Man sieht es Angela Merkel natürlich nicht an.
Für Merz lief es als Bundeskanzler bislang nicht reibungslos. Umso spannender war heute die Frage, ob die Partei geschlossen hinter ihm steht.
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