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Es ist schon ein ziemlich sperriges Wort, die "Einwegkunststoffkennzeichnungsverordnung". Mit dieser wird eine EU-Richtlinie hierzulande umgesetzt, die bestimmt, dass seit Juli 2024 Einweggetränkebehälter bis zu einem Fassungsvermögen von drei Litern einen festen Deckel haben müssen. Die EU will damit den Plastikmüll verringern. Doch bei BR24 wird auch darüber diskutiert, ob die Regel für Menschen mit Behinderungen nun Fluch oder Segen ist.
Unpraktisch oder ungeeignet
Mit seinen Äußerungen, dass ihm jeden Morgen der "Scheißdeckel" entweder "im Auge" hänge oder er sich Cola auf die Hose schütte, wenn er ihn abreiße, hat der bayerische Ministerpräsident Markus Söder die Diskussion über feste Plastikdeckel angeheizt. Während es für den CSU-Politiker wahrscheinlich einfach nur unpraktisch ist, gibt es aber auch Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen Probleme mit diesen Verschlüssen haben – oder aber Vorteile sehen.
So kommentierte Nutzer "boxdorf": "Es gibt viele Menschen, deren Hände z. B. altersbedingt, wegen Arthrose oder einer anderen Behinderung nicht mehr so gut funktionieren wie bei Gesunden. Für diese sind Plastikflaschen von großem Vorteil, da das Gewicht deutlich geringer ist und sie deswegen leichter zu handhaben sind. Die fest verbundenen Verschlüsse sind für diese Menschen regelrecht schei... Aber es ist wie immer, dieser Personenkreis wird halt gerne ignoriert."
User "pieth" sah das anders: "Liebe Leute. Ich habe Arthrose und komme besser zurecht mit den neuen Verschlüssen. Abschrauben wie vorher fällt mir um einiges schwerer. Bitte nicht ändern." Und Userin "Hungry Audrey" ergänzte: "Meine Mutter auch, die Schwiegermutter hat Parkinson. Für beide ist das hilfreich. Weil er besser aufzusetzen ist. (...)"
Es hängt von der Behinderung ab
Ob die neue Regel nun gut oder schlecht ist für Menschen mit Behinderung, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Die Münchner Professorin für Handchirurgie, Helen Abel, verweist darauf, dass sich grundsätzlich das Öffnen der Flaschen nicht geändert habe. Das sei für Menschen mit einer verminderten Griffkraft in der Hand, zum Beispiel aufgrund einer Arthrose, so oder so schwierig.
Der befestigte Deckel bietet aber ihrer Ansicht nach immerhin für die einen Vorteil, die Parkinson haben oder einen Nervenengpass in den Händen mit verminderter Empfindsamkeit in den Fingerspitzen – denen es deshalb schwerfällt, kleine Dinge festzuhalten oder, wenn diese heruntergefallen sind, sie wieder aufzuheben. Das spricht also neben dem Umweltaspekt für feste Deckel, die nicht abgenommen werden müssen. Probleme mit dem Aufheben eines heruntergefallenen Deckels könnten zudem auch Menschen haben, die schlecht sehen oder gar blind sind, oder in einem Rollstuhl sitzen.
Welche Rolle spielt Inklusion beim Produktdesign?
Der Professor für Produktdesign an der Technischen Hochschule in Nürnberg, Olaf Thiele, findet feste Deckel vom Grundsatz her nicht schlecht, wie er BR24 erklärt. Früher sei man im Design der Prämisse gefolgt: form follows function. Dass die Form eines Produkts also von der Funktion bestimmt wird. Mittlerweile seien aber auch andere Aspekte genauso wichtig wie die Gebrauchsfunktion, zum Beispiel Sicherheit, soziale oder ökologische Aspekte, wie bei den festen Deckeln.
Im Produktdesign sei man es gewohnt, Kompromisse zu machen, so Thiele weiter. Seinen Worten nach werden bei einem normalen Produkt, welches jetzt nicht sicherheitsrelevant ist, grob gesagt die obersten und die untersten fünf Prozent der Bevölkerung stets ausgeschlossen.
Hilfsmittel bei Kompromissen möglich
Anthropometrie heißt hier das Zauberwort. Das ist die Lehre und möglichst exakte Bestimmung der Maße, Proportionen und körperlichen Merkmale des Menschen. Diese Vermessung hat zwar einige Lücken, gilt jedoch bei vielen Produkten als Maßstab. Bei Bedarf werden hier allerdings danach entsprechende Hilfsmittel entwickelt.
Als Beispiel nennt Thiele das Marmeladenglas. Viele, vor allem ältere Menschen, haben Probleme beim ersten Öffnen des fest verschlossenen Glases. Deshalb hat die Industrie verschiedene Schraubdeckelöffner entwickelt: mechanisch, elektrisch, mit Gummiband oder aus Edelstahl. Für Menschen, für die durch das Produktdesign eine Verschlechterung stattgefunden habe, müsste man eben eine Notlösung finden, meint Thiele. Individuelle Lösungen seien durch 3D-Druck mittlerweile auch viel leichter möglich, ergänzt der Produktdesigner.
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