Tempo-30-Schild in der Innenstadt
Bildrechte: picture alliance / photothek.de | Thomas Trutschel

Energieagentur rät zu weniger Tempo für weniger Verbrauch

Per Mail sharen
Artikel mit Audio-InhaltenAudiobeitrag

Hohe Benzinpreise: Was Homeoffice und Tempolimit bringen

Mit dem Krieg im Nahen Osten und steigenden Ölpreisen kehren alte Ideen zurück. Doch was spart tatsächlich Sprit – und was klingt entschlossen, ist aber eher Symbolpolitik? Der Blick auf Forschung und Vergangenheit bringt eine ziemlich klare Antwort.

Über dieses Thema berichtet: BR24 Radio am .

An der Tankstelle wird die Weltpolitik ganz konkret: Wenn Benzin und Diesel teurer werden, geht es nicht mehr nur um Krieg oder Fördermengen, sondern um ganz praktische Fragen: Hilft langsameres Fahren? Lohnt es sich, Wege zu bündeln? Bringt es etwas, wenn Menschen seltener pendeln? Genau hier beginnt die eigentliche Prüfung alter Rezepte. Denn Tempolimit oder autofreie Sonntage klingen zwar vertraut – sie wirken aber nicht gleich stark.

Drastische Forderungen der Energieagentur

Auslöser der aktuellen Debatte ist eine Studie der Internationalen Energieagentur (IEA). IEA-Chef Fatih Birol spricht von einer schweren Energiekrise und von einem Katalog sofort umsetzbarer Maßnahmen.

Hintergrund ist aus Sicht der Agentur die größte Störung des globalen Ölmarkts in seiner Geschichte: Rund 20 Millionen Barrel Öl und Ölprodukte pro Tag könnten derzeit nicht mehr wie gewohnt durch die Straße von Hormus transportiert werden. Die IEA sagt selbst, dass ihre zehn Vorschläge den Ausfall nicht vollständig ersetzen können. Sie könnten aber schon innerhalb weniger Wochen Wirkung entfalten.

Im Zentrum der IEA-Vorschläge steht der Verkehr, weil er rund 45 Prozent der weltweiten Ölnachfrage ausmacht. Drei zusätzliche Homeoffice-Tage könnten den nationalen Benzin- oder Dieselverbrauch von Autos laut IEA um zwei bis sechs Prozent senken, ein um zehn km/h reduziertes Autobahntempo den Verbrauch privater Pkw um ein bis sechs Prozent. Hinzu kommen mehr öffentlicher Nahverkehr, Fahrgemeinschaften, effizienterer Güterverkehr und weniger Dienstflüge.

Viel Sparpotenzial durch langsameres Fahren

Was davon am besten trägt, zeigt die Forschung ziemlich klar. Am besten erforscht ist das Einsparpotenzial eines Tempolimits: Wer langsamer fährt, verbraucht weniger. Das Umweltbundesamt (UBA) spricht daher von einem "sinnvollen Klimaschutzbeitrag".

In seiner Energiekrisen-Analyse von 2022 wird das UBA noch konkreter: Ein Paket aus Tempolimit von 100, 80 und 30 km/h auf Autobahnen, Landstraßen und innerorts, mehr Homeoffice und einem besseren Nahverkehr könne kurzfristig sieben bis neun Prozent des Kraftstoffverbrauchs im Verkehr einsparen. Helfen würde daher noch mehr Homeoffice.

Laut dem Statistischen Bundesamt arbeitete vor der Corona-Pandemie jeder zehnte Erwerbstätige zumindest teilweise von zu Hause, 2024 war es bereits jeder vierte. Die Zahl ließe sich aber noch steigern.

Lernen aus der Ölkrise

Hilfreich ist an dieser Stelle ein Rückblick auf die Ölkrise der 1970er Jahre, als deutsche Autobahnen tageweise leer blieben. Schon vor den autofreien Sonntagen hatte die Bundesregierung im September 1973 ein Energieprogramm vorgelegt, das der Energiehistoriker Hans-Wilhelm Schiffer in einer Studie für den ifo Schnelldienst als "Beginn eines energiepolitischen Gesamtkonzepts" beschreibt.

Nach dem Ölpreisschock 1973/74 rückten zunächst Versorgungssicherheit und die stärkere Nutzung von Erdgas, Kohle und Kernenergie in den Vordergrund; später kam das Energiesparen stärker hinzu. Die sichtbarste Sofortmaßnahme folgte im November 1973: vier autofreie Sonntage vom 25. November bis 16. Dezember sowie ein befristetes Tempolimit von 100 km/h auf Autobahnen und 80 km/h auf Landstraßen.

Es blieb aber nicht bei vereinzelten Sonntagsfahrverboten. Die Energieprogramme wurden in den folgenden Jahren immer wieder überarbeitet und an neue Krisenlagen angepasst. Wie viel jede Einzelne dieser Fortschreibungen brachte, lässt sich im Rückblick nicht sauber auseinanderrechnen.

Insgesamt sank der Ölverbrauch der Bundesrepublik zwischen 1973 und 1981 aber um rund 20 Prozent, zugleich ging der Öl-Anteil am Energiemix deutlich zurück. Der eigentliche Lerneffekt der 1970er war also breiter: weniger Abhängigkeit vom Öl, mehr Diversifizierung und mehr Effizienz.

Mehr Forschung durch Ölschock

Der wichtigste Unterschied zu heute: Die Ausgangslage ist eine andere als in den 1970er Jahren. Öl ist heute eher ein Verkehrsproblem als ein Energiesystemproblem und mit Homeoffice gibt es einen Hebel, der damals mangels digitaler Möglichkeiten nicht existierte.

Wie groß der strukturelle Effekt von Energiekrisen sein kann, beschrieb das Ifo-Institut in Jahr 2022 gemeinsam mit anderen Forschungsinstituten in der Studie "Von der Pandemie zur Energiekrise – Wirtschaft und Politik im Dauerstress". Darin heißt es, dauerhaft hohe Energiepreise könnten den energiesparenden technischen Fortschritt deutlich beschleunigen – so wie schon nach den Ölpreisschocks der 1970er Jahre.

Für die aktuelle Debatte heißt das: Kurzfristig helfen vor allem Maßnahmen mit klarer Mechanik – Tempolimit, weniger Pendelfahrten, effizienteres Fahren und bessere Logistik. Autofreie Sonntage bleiben dagegen vor allem starke Krisensymbolpolitik.

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!