Für rund 70 Prozent aller durch Erdöl erzeugten CO₂-Emissionen werden Städte verantwortlich gemacht (externer Link), indirekte Emissionen aus Energieverbrauch und Lieferketten einbezogen. Messungen und Berechnungen der Technischen Universität München, gemeinsam mit den Universitäten von Heidelberg und Basel (externer Link), zeigen aber auch ein großes Potenzial städtischer Grünanlagen auf, zumindest einen Teil dieser Emissionen zu kompensieren. Das Team um die Expertin für Messtechnik und Umweltmodellierung, Jia Chen, hat ein Rechenmodell für CO₂-Flüsse entwickelt, das zeigt, welche Vegetation wie viel des Klimagases freisetzt und wo es aufgenommen wird. Grundlage waren hochauflösende Satellitendaten und Landnutzungskarten. Mit Messungen in Grünanlagen hat es diese Berechnungen überprüft.
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Münchens Bäume, Büsche und Sträucher kompensieren zwei Prozent der städtischen CO₂-Emissionen
Das CO₂-Flussmodell hat eine Auflösung von zehn Metern und ist damit genauer als viele Satellitendaten, die oft nur eine Auflösung von 500 Metern bieten, betont Jia Chen: "Wir haben herausgefunden, dass die städtische Vegetation in München etwa zwei Prozent der jährlichen anthropogenen Emissionen ausgleicht, während einiger Spitzenstunden im Sommer kann diese natürliche Absorption die menschlichen Emissionen der Stadt sogar übertreffen."
Bäume in der Stadt sind CO₂-Senker, Grasflächen CO₂-Quellen
Allerdings ist nicht jede Vegetation gleichermaßen effektiv: Am meisten nehmen Stadtbäume auf, während Grasland nur zeitweise als Kohlenstoff-Senke fungieren kann, aber über das ganze Jahr betrachtet als Netto-CO₂-Quelle einzuschätzen ist, bilanziert die Studie (externer Link). Das Modell zeigt, dass Grasböden über das Jahr hinweg insgesamt mehr CO₂ über die Bodenatmung nachts und im Winter abgeben, als sie über Fotosynthese binden. "Die Studie verdeutlicht, dass urbane Vegetation äußerst heterogen ist. Erst unsere hochaufgelöste Analyse zeigt, welche Flächen tatsächlich klimawirksam sind," fasst Jia Chen ihre Studie zusammen.
Professorin Jia Chen, Technische Universität München, bei Messungen der Fotosynthese und CO₂-Abgabe einer Rasenfläche im Arnulfpark in München.
In Städten sind Grünanlagen bislang unterschätzte CO₂-Speicher
Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Studie der Justus-Liebig-Universität Gießen (externer Link). Studienleiter Till Kleinebecker und sein Team haben auf 120 Flächen des Campus der Universität Bodenproben genommen und gemessen, wie viel Kohlenstoff darin gebunden war – je nach Vegetationsart. Die höchsten Kohlenstoff-Werte weisen demnach Böden auf, auf denen Gehölze und Bäume wachsen, aber es zeigen sich auch hohe Werte in naturnahen Wiesen. "Die Bedeutung urbaner Grünflächen für den Klimaschutz ist bislang oft unterschätzt worden", fasst Kleinebecker zusammen. "Dabei können Grünflächen als bedeutende Kohlenstoffsenken wirken."
Entsiegelte Böden sind CO₂-Senken in der Stadt
Landschaftsökologe Till Kleinebecker empfiehlt Stadtplanern und Stadtverwaltungen, Flächen besser für Kohlenstoffspeicherung zu nutzen und sie zu entsiegeln: "Ein ehemaliger Parkplatz, da finden Sie im Boden kaum Kohlenstoff. Wenn Sie dem die Möglichkeit geben, sich zu entwickeln, dann ist das ein effektiver CO₂-Speicher, eine effektive CO₂-Senke." Das sei zwar nicht vergleichbar mit Senken wie Mooren, aber die Siedlungsgebiete hätten mit ihren etwa 13 bis 14 Prozent Anteil an der Gesamtfläche Deutschlands ein großes Speicherpotenzial für Kohlenstoff.
Naturnahe Wiesen speichern in der Stadt viel mehr Kohlenstoff als gepflegter Rasen
Umgerechnet auf 100 Quadratmeter speichert eine Wildblumenwiese 160 Kilogramm mehr Kohlenstoff als ein häufig gemähter Rasen. Till Kleinebecker rät Gartenbesitzern, zumindest einen Teil ihrer Rasenfläche in Wildblumenwiese umzuwandeln und nur noch ein oder zwei Mal im Jahr zu mähen: "Dann hat man weniger Arbeit und beides, eine Fläche, die mittelfristig im Boden mehr Kohlenstoff speichert, und andererseits auch die Biodiversität fördert." Denn auch das zeigt die Studie (externer Link): Auf Flächen mit mehr organischem Kohlenstoff war auch die Artenvielfalt höher.
Grünflächen und Bäume in der Stadt: Hochwasserschutz, Kühlung und Lebensqualität
Bäume liefern den dominanten Beitrag für CO₂-Senkungen. Zur Speicherung im Boden komme noch die Einlagerung im Holz "on top", sagt Kleinebecker. Jia Chen verweist darauf, dass sie zudem noch den Vorteil bieten, im Sommer durch Beschattung und Verdunstung die Temperatur zu senken. Und ganz allgemein sieht sie Vorteile von Grünflächen im Vergleich zu versiegelten Flächen: "Sie dienen als Versickerungsflächen und steigern die Lebensqualität - meine Kinder sind sehr glücklich, wenn die draußen im Grün sind."
Im Video: Münchens Parks entlasten die Stadtbilanz
Münchens Parks entlasten die Stadtbilanz
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