Raben und Elstern fliegen über einem im Schnee liegenden Kadaver im Yellowstone Nationalpark, dem sich auch ein Wolf annähert. Laut einer neuen Studie haben Raben gelernt, wo sie mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Wolfsriss finden - und fliegen gezielt hin.
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Raben und Elstern fressen an einem Kadaver im Yellowstone Nationalpark. Raben haben gelernt, wo sie Wolfsrisse finden – und fliegen gezielt hin.

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Schlaue Raben: Die Vögel merken sich Beuteplätze von Wölfen

Raben sind Aasfresser. Im Yellowstone Nationalpark fressen sie Kadaver von Tieren, die von Wölfen erlegt wurden. Eine neue Studie zeigt: Die Vögel haben gelernt, wo sie mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Wolfsriss finden – und fliegen gezielt hin.

Über dieses Thema berichtet: Bayern 2 Die Welt am Abend am .

Wenn es Nacht wird im Yellowstone Nationalpark im Nordwesten der USA, gehen die Wölfe auf die Jagd. Mitte der 1990er-Jahre sind die großen Raubtiere dort wieder angesiedelt worden. Eine Spezies profitiert davon besonders: die Raben.

Symbiose: Wo der Wolf ist, ist auch der Rabe nicht weit

Schon seit Jahren haben Wissenschaftler beobachtet, dass Raben sehr schnell an den Kadavern von Wolfsrissen auftauchen, um zu fressen. Der Wildtierbiologe Dan Stahler von der Nationalparkverwaltung spricht sogar von einem jahrtausendealten Wissen über die Beziehung zwischen Wolf und Rabe: "In vielen indigenen Kulturen wissen die Menschen darüber Bescheid. Biologen und Geschichtsschreiber auf der ganzen Welt haben darüber berichtet, dass immer, wenn man Wölfe sieht, auch die Raben nicht weit sind", sagt Stahler.

Eine naheliegende Erklärung dafür, dass die Vögel immer so schnell bei den Wolfsrissen sind, war über Jahrzehnte, dass die intelligenten Vögel den Wölfen folgen. Auch Dan Stahler glaubte das lange Zeit.

Tracking-Studie: Raben folgen den Wölfen nicht in Echtzeit, sie fliegen direkt zum Fressen

Der Biologe Matthias-Claudio Loretto forscht derzeit an der Veterinärmedizinischen Uni Wien (externer Link). Er wollte Beweise finden für diese Theorie. Gemeinsam mit Wissenschaftlern vom Yellowstone-Park stattete er Wölfe und Raben mit GPS-Trackern aus (externer Link) und konnte so die Bewegungen von 69 Raben und 20 Wölfen aufzeichnen. Was er nach zweieinhalb Jahren Forschung herausfand, war zunächst eine große Enttäuschung.

"Ich bin mit großen Erwartungen dorthin gefahren, habe immensen Aufwand bei der Feldarbeit betrieben, und zunächst habe ich keinen einzigen Fall gefunden, wo ein Rabe einem Wolf über lange Distanzen folgt", beschreibt Loretto.

Stattdessen zeigte sich: Die Raben kommen aus weiter Entfernung quasi direkt zu den Wolfsrissen geflogen, manchmal mehr als 100 Kilometer weit – als ob sie hellsehen können, wo die Wölfe ein Tier getötet haben.

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Raben folgen Wölfen nur über kurze Distanzen. Die neue Studie zeigt: Raben haben offenbar gelernt, wo Wölfe bevorzugt jagen.

Auf den zweiten Blick lieferten die Daten den Forschenden eine andere Erklärungsmöglichkeit: Die Raben haben offenbar gelernt, wo die Wölfe bevorzugt jagen, in Talsohlen zum Beispiel – und sie fliegen häufig gezielt diese Gebiete an, um zu schauen, ob es dort etwas zu fressen gibt.

Zwar merken sich auch andere Vögel gute Futterstellen, was wir an den Futterhäuschen in unseren Gärten beobachten können. In den Jagdgebieten der Wölfe ist die Situation aber komplexer. Dort sehen die Futtergelegenheiten nicht immer gleich aus, die Kadaver sind nicht immer exakt an derselben Stelle.

Und die Raben können auch mal leer ausgehen: "Der einzelne Riss ist nicht vorhersagbar", sagt Loretto. Trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit, etwas zu finden, in einigen Gebieten höher.

Intelligente Raben haben eigene "Karte von Aasplätzen"

Die Raben spielen mit dieser Wahrscheinlichkeit. Ein Glücksspiel, das oft zugunsten der schlauen Vögel ausgeht. Als geistige "Karte von Aasplätzen" bezeichnet Andreas Nieder von der Uni Tübingen das. Nieder forscht über die Intelligenz von Tieren, an der aktuellen Studie war er nicht beteiligt. "Ich würde es den Raben auf jeden Fall zutrauen", sagt er mit Verweis auf die erstaunlichen Gedächtnisleistungen von Rabenvögeln.

Über die kognitiven Fähigkeiten der Tiere mache die Studie jedoch keine wirklichen Aussagen, meint Nieder. Vielmehr gebe sie einen spannenden Einblick in das Zusammenspiel von Wölfen und Raben.

Neue Studie gibt Einblick in die Beziehung von Wölfen und Raben

Dan Stahler im Yellowstone Nationalpark hat seine frühere Theorie abgelegt. Er sagt ebenfalls, die Studie gebe einen tieferen Einblick in die lange bekannte Beziehung zwischen den Tieren. Für ihn ist sie aber auch ein weiterer Beweis, wie schlau die schönen Vögel wirklich sind: "Statt dem Wolfsrudel den ganzen Tag zu folgen, schauen sie einfach immer wieder kurz vorbei, fliegen wieder weg und kommen vielleicht erst am nächsten Tag, um wieder zu schauen, was die Wölfe so machen."

Für Matthias-Claudio Loretto, den Hauptautor der Studie, ist das Thema noch nicht abgeschlossen. Er möchte herausfinden, wie die Vögel diese geistige Landkarte entwickeln, wie viele Überflüge sie brauchen, wie viele Fehlschläge es dabei gibt – kurz: wie intelligent sich die Vögel wirklich verhalten.

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