Kein Wunder, dass dieser Artikel in der auflagenstarken "Moskowski Komsomolez" für Aufregung sorgte [externer Link] – so viel Aufregung, dass mancher Propagandist schon an "Fake News" glaubte: "In Russland waren es gerade verlorene Kriege und demütigende Waffenstillstände, die regelmäßig zu neuen Fortschritten, Reformen und – überraschenderweise – neuen Siegen führten", schreibt der Jurist und Funktionär Dmitri Krasnow.
Seine Argumentation: "Bedeutende geopolitische Niederlagen waren mitunter vorteilhafter als glänzende Siege. Jede militärische Niederlage, jeder 'schändliche Frieden', zerstörte nicht die Rus, Russland, sondern stärkte es und führte zu einer zukünftigen Ausdehnung seiner Grenzen und einer Festigung seiner Position." Als Beispiele nannte Krasnow den mittelalterlichen "Mongolensturm", Niederlagen gegen die Schweden im 17. Jahrhundert und den Krimkrieg von 1853/56.
"Waschechter Saboteur"
Bemerkenswert, dass Krasnow einen brisanten historischen Vergleich zieht. So habe erst die militärische Niederlage im Krimkrieg wichtige Reformen wie die Abschaffung der Leibeigenschaft 1861 möglich gemacht: "Für die Interessen anderer zu kämpfen, ist alles andere als verlockend. Außerdem führt das Anziehen der Schrauben bis zum Äußersten unweigerlich zum Zerfall des Systems, und das Land verliert zwangsläufig."
Propagandist Alexander Pelewin zeigte sich fassungslos [externer Link] über diesen Artikel: "Um in einer solchen Zeit einen Text mit einer solchen Botschaft zu veröffentlichen, muss man entweder ziemlich beschränkt oder ein waschechter Saboteur sein." Die russischen Medien hätten "komplett den Bezug zur Realität" verloren: "Ihr schafft hier aus dem Nichts ein positives Bild für einen ukrainischen Sieg. Was soll das?"
"Ganz im Sinne von Orwell"
Publizist Stanislaw Belkowski fragte sich und seine Leser [externer Link]: "Entschuldigung, was soll das? Ist das ein Zeichen der wachsenden Unzufriedenheit der (Sub-)Elite, von der in letzter Zeit so viel gesprochen wurde?"
Der kremlkritische Politologe Andrei Nikulin spottete [externer Link]: "Interessant. Bereiten sie die Bevölkerung etwa auf eine 'Zeit voller fantastischer Geschichten' vor? Ganz im Sinne von Orwell, der mir so vertraut geworden ist. Der Sieg ist eine Niederlage! Die Niederlage ist ein Sieg! Wird das Ergebnis fulminant sein und den Auftakt zu noch bemerkenswerteren Ereignissen bilden? Alle bereits getroffenen und noch zu treffenden Entscheidungen sind brillant. Sehr interessant..."
"Russland steht damit nicht allein da"
Publizist Oleg Schein urteilte [externer Link]: "Jeder, der Abitur hat, wusste das alles bereits. Interessant ist nur, dass eine große Zeitung, die nie für ihre oppositionelle Haltung bekannt war, darüber berichtet hat."
Auch er listete historische Beispiele auf: "Russland steht damit nicht allein da. Die Niederlage im Zweiten Weltkrieg veränderte Deutschland und Japan zum Besseren. Die Niederlage in Vietnam veränderte die Vereinigten Staaten zum Besseren. Die Niederlage der argentinischen Junta auf den Falklandinseln und der 'schwarzen Obristen' auf Zypern besiegelte das Ende der faschistischen Regime in Argentinien und Griechenland."
Infotafel
Angeheizt wird die Debatte über verschiedene Szenarien eines Kriegsendes durch eine kürzliche Äußerung Putins, wonach sich der Konflikt "dem Ende nähere", obwohl er "immer noch eine ernste Angelegenheit" sei.
"Bedeutet kein Scheitern"
Irritation löste auch ein Leitartikel im russischen Fachblatt "Global Affairs" aus [externer Link], wo Chefredakteur Wassili Kaschin forderte, nicht länger Ressourcen zu verschwenden: "Der Krieg wird zwischen vergleichbaren Gegnern geführt. Historisch gesehen führten solche Kriege selten zur vollständigen Vernichtung einer Seite. Zudem können sie sich in die Länge ziehen, und die Ziele der Parteien werden im Verlauf der Kämpfe stark verändert. Solche Anpassungen sind nicht überraschend; ihre bloße Existenz bedeutet kein Scheitern."
Kaschin wurde überraschend konkret: "Das Ziel der 'Liquidierung des antirussischen Regimes' in der Ukraine ist zum jetzigen Zeitpunkt ohne eine vollständige und langfristige militärische Besetzung des gesamten Landes (einschließlich des Westens) grundsätzlich unerreichbar. Für Russland ist das technisch unmöglich. Folglich kann dieses Ziel nur als äußerst langfristig betrachtet werden, ist aber im Rahmen der gemeinsamen Militäroperationen unerreichbar und sollte nicht weiter verfolgt werden."
Der in London lehrende russische Politloge Wladimir Pastuchow warnte gleichwohl vor übertriebenem Optimismus [externer Link]: "Die Geschichte lehrt uns, dass die russische Militärmaschinerie, wenn sie wie ein blinder Maulwurf auf ein unüberwindliches Hindernis stößt, nicht mit weißer Flagge kapituliert, sondern sofort einen neuen Tunnel in der Nähe gräbt. Es ist schwer vorstellbar, dass der Kreml die Sackgasse nicht erkennt und nicht nach einer Lösung sucht."
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