Der Judaskuss, Ausschnitt aus der Gefangennahme Christi, vom Meister des Heisterbacher Altars, Alte Pinakothek München.
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Der Judaskuss, Ausschnitt aus der Gefangennahme Christi, vom Meister des Heisterbacher Altars, Alte Pinakothek München.

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Judas Iskariot: Vom Apostel Jesu zur antijüdischen Hetzfigur

Judas, der Jesus mit einem Kuss verriet, ist an Gründonnerstag inzwischen eine Randnotiz. In die Kulturgeschichte ist er wirkmächtig als "der böse Jude schlechthin" eingegangen – nicht zuletzt bei den Nazis.

Über dieses Thema berichtet: Bayern 2 Glauben Zweifeln Leben am .

"Seht, ausgerechnet der eine Semit unter den Jüngern den Meister verriet." So machte zu Ostern 1925 das nationalsozialistische Hetzblatt "Der Stürmer" auf der Titelseite Stimmung gegen die Juden. In der NS-Propaganda wird der Apostel Judas zum prototypischen "bösen Juden". In "Stürmer"-Karikaturen wird er entsprechend dargestellt, mit Hakennase, Judenhut und betont hässlich. In Hitlers "Mein Kampf" taucht die Wendung vom "Judaslohn" auf, in Anspielung darauf, dass der Apostel Jesus für dreißig Silberlinge (so berichtet es zumindest der Evangelist Matthäus) verraten haben soll.

Judas-Figur als antisemitisches Motiv

"Die scheinbare Geldgier des Judas ist den Nationalsozialisten dann natürlich ein dankbares Motiv, weil sie den Juden ja eben auch finanzielle Habsucht unterstellen", sagt Mirjam Kübler. Die evangelische Theologin hat zur abendländischen Judas-Interpretation promoviert – mit Fokus darauf, wie ihn die Nazis für ihre antijüdische Hetze funktionalisiert haben. Sie pickten Judas heraus und schürten mit ihm Antisemitismus. So wie es Jahrhunderte zuvor schon immer wieder passiert ist. Insofern ist die Judas-Rezeption der Nazis zwar besonders fatal, aber "nicht vom Himmel gefallen", sagt Kübler.

Tatsächlich lässt sich die negative Darstellung des Judas über die Jahrhunderte zurückverfolgen – besonders in der Kunst. "Das ist eine visuelle Unheilgeschichte seit dem vierten Jahrhundert", sagt der Kunstwissenschaftler Andreas Mertin. Ikonografisch habe Judas zunächst einen Platz bekommen in den Darstellungen des letzten Abendmahls, an das Christen an Gründonnerstag erinnern. Der daran anschließende nächtliche Verrat im Garten Gethsemane taucht darstellerisch erst in der zweiten Jahrtausendhälfte auf, wenn sich die Kunst dem Leiden Christi widmet.

Christliche Kunst zeichnet Negativbild

"Dann fragt man: Wer ist denn für dieses Leid verantwortlich? Und dann kommt die Antwort: Judas. Und Judas steht typisch für alle Juden. Und deshalb werden Juden besonders negativ dargestellt", sagt Mertin. Ein prominentes Beispiel ist etwa auf einem Relief im Naumburger Dom zu sehen. Den Nährboden für solche Judas-Darstellungen habe die Theologie geboten, sagt Mertin: "Die christliche Kunst setzt erst ein, als die Würfel theologisch schon gefallen sind, und reagiert dann nur noch."

Tatsächlich ist bei den ersten Christen und auch schon in der Bibel eine Spur gelegt, die das Negativbild von Judas so groß machen konnte, sagt der Berliner Neutestamentler Rainer Kampling: "Der Kirchenvater Ambrosius von Mailand dürfte einer der ersten gewesen sein, der es im vierten Jahrhundert so deutlich formuliert: 'Die Juden sind wie Judas, weil sie den Herrn immer noch verraten – obwohl sie wussten, wer Jesus ist'."

Judas, enttäuscht von Jesu ausbleibendem Sturm gegen die Römer?

Dabei ist Judas in den vier Evangelien eher eine Randfigur, sagt der Bibelwissenschaftler. Allen voran im ältesten, also zuerst niedergeschriebenen Markus-Evangelium: Dort ist das Geld, das Judas für den Verrat von Jesus erhält, auch nicht die Motivation, sondern seine unerwartete Belohnung. "Aber da Markus sich jeder Begründung entzieht, warum Judas das überhaupt tut, wird das von den anderen Evangelisten eben gefüllt", so Kampling. Im Lukas-Evangelium etwa fährt der Teufel in Judas ein, um zu erklären, warum Judas denjenigen verrät, der ihn in seinen engsten Kreis berufen hat. "Dann wäre Judas ja entlastet, weil er nicht eigenmächtig handelt", sagt Kampling.

Heute herrsche in der Theologie die Auffassung vor, Judas habe Jesus aus Enttäuschung an die gegnerische Seite – an die Römer, nicht an die Juden – verraten; aus Enttäuschung darüber, dass Jesus eben kein radikaler Freiheitskämpfer war, der den Aufstand gegen die römischen Besatzer wagte. Eine Interpretation, die etwa auch in der vor 55 Jahren uraufgeführten Rockoper "Jesus Christ Superstar" anklingt. Oder im Roman "Judas" des israelischen Autors Amos Oz.

Längst hat es sich die Theologie zur Aufgabe gemacht, die Judas-Figur von Vorurteilen und Ressentiments zu befreien – auch wenn in Bachs Matthäus-Passion nach wie vor gesungen wird: "Eröffne den feurigen Abgrund, o Hölle, zertrümmre, verderbe, verschlinge, zerschelle mit plötzlicher Wut den falschen Verräter, das mördrische Blut." Anders zuletzt das Urteil von Papst Franziskus über Judas: Keiner könne sagen, ob Judas nicht im Paradies sei, also Gnade bei Gott gefunden habe, so der vor einem Jahr verstorbene Pontifex – wider aller Negativurteile über die Jahrhunderte.

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